„Wenn nicht experimentiert wird, besteht keine erhöhte Gefahr“

Frank Henkler-Stephani

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist in Deutschland auf nationaler Ebene darauf spezialisiert, Risiken aller Art genau unter die Lupe zu nehmen – speziell im Zusammenhang mit Produktsicherheit und der Kontaminanten von Lebensmitteln.




Damit ist das Institut zum Beispiel auch für E-Zigaretten-Liquids zuständig. eGarage hat mit dem BfR-Experten Dr. Frank Henkler-Stephani über die Serie von Erkrankungen in den USA gesprochen, die derzeit die dortigen Gesundheitsbehörden und Dampfer aufschreckt und zu einer politischen Debatte um die Sicherheit der E-Zigarette geführt hat. Er spricht über die möglichen Ursachen und warum für deutsche Dampfer, die ihre Produkte im Laden kaufen „keine erhöhte Gefahr“ besteht, sagt aber auch: „E-Zigaretten sind keine harmlosen Produkte.“

Herr Henkler-Stephani, in den USA gibt es eine Serie von nicht eindeutig geklärten Erkrankungen und sogar bis zu derzeit laut Medienberichten 17 Todesfällen im Zusammenhang mit der Nutzung von E-Zigaretten. Wie besorgniserregend ist die Situation?

Henkler-Stephani: Wir sollten die Entwicklung ernst nehmen. Nach den ersten Erkenntnissen handelt es sich in den meisten Fällen um den Gebrauch von Inhaltsstoffen, die im Zusammenhang mit Cannabis stehen. Die Informationen der US-Gesundheitsbehörden sind noch sehr unvollständig. Es scheint sich in der Regel um die Nutzer von selbstgemischten, halblegalen oder illegalen Produkten zu handeln, wir nennen das auch nichtkonventionelle Produkte. Die FDA, die zuständige US-Behörde, betont aber auch immer wieder, dass ein abschließendes Urteil noch nicht möglich ist.

Gibt es bei Inhaltsstoffen einen Hauptverdachtspunkt?

Eine Ursache könnte die Inhalation von Lipiden sein, also von Ölen die in das Aerosol gelangen. Sie werden zum Beispiel als Trägersubstanz für den Wirkstoff in Marihuana, das ist THC, genutzt. Dass Vitamin-E-Acetat im Zusammenhang aufgefallen ist, muss nicht heißen, dass dieser Stoff selbst schädigend wirkt. Denn die Substanz wird gerade bei THC-Ölen häufig eingesetzt, um das Liquid dickflüssiger zu machen, was im Straßenhandel als ein Qualitätsmerkmal gilt. In diesem Fall wäre Vitamin-E-Acetat nur ein Indikator für die missbräuchliche Nutzung von Marihuana. Die Situation ist aber insgesamt noch sehr unübersichtlich.

Spielen nun übertriebene Ängste eine Rolle, die dazu führen, dass sich besonders viele E-Zigaretten-Nutzer melden?

Ich denke, wir sollten die Serie schwerer Erkrankungen nicht herunterspielen, aber auch nicht in unnötige Sorge verfallen. Möglicherweise wirkt die verstärkte Aufmerksamkeit so, dass mehr Fälle ans Licht kommen. Andererseits ist es erstaunlich, dass die Zahl der Neuerkrankungen trotz der hohen Medienpräsenz nicht schnell zurückgeht. Eigentlich sollte man erwarten, dass Dampfer den Empfehlungen der FDA folgen und risikoreiche Produkte vermeiden.




Besteht für deutsche Verbraucher nun ebenfalls eine höhere Gefahr?

Für deutsche Verbraucher sehe ich keine erhöhte Gefahr, sofern sie nicht selbst experimentieren, zum Beispiel mit THC-haltigen Ölen oder ähnlichem. E-Zigaretten sind keine harmlosen Produkte. Aber für reguläre Liquids, die aus dem deutschen Fachhandel kommen, bestehen keine erhöhten Risiken. Hier gelten die deutschen und europäischen Bestimmungen für nikotinhaltige Liquids, wie beispielsweise die Meldepflichten, sowie Verbote für einige Inhaltstoffe die Gesundheitsrisiken bergen. .

Brauchen wir trotzdem zusätzliche Regeln in Deutschland und Europa?

Das BfR stellt nicht die Regeln auf, aber bewertet gesundheitliche Risiken auch in Hinblick auf die rechtlichen Bestimmungen. Bisher werden beispielsweise nur nikotinhaltige Liquids durch das Tabakrecht erfasst. Aus meiner toxikologischen Perspektive ist allerdings klar, dass die Risiken von E-Zigaretten nicht nur im Nikotingehalt liegen. Gesundheitliche Bedenken betreffenauch Inhaltsstoffe, die nur in nikotinfreien Liquids zulässig wären, weil diese Produkte eben nicht der europäischen Tabakproduktverordnung unterliegen.

Wie ist die Rechtslage: Könnten trotz der europäischen Vorschriften in Deutschland nikotinfreie Liquids reguliert werden?

Solange es keine europäische Regulierung für nikotinfreie E-Liquids gibt, stehen hier die Mitgliedsstaaten in der Verantwortung. Ich habe den Eindruck, dass die Unterstützung für entsprechende Vorschläge stetig wächst, auch von vielen Dampfern. Abgesehen von Nikotin, sollten natürlich für alle Liquids die gleichen Qualitätsstandards und Regelungen zum Gesundheitsschutz gelten.

Ist es tatsächlich so, dass das Nikotin eher aus dem Blickfeld gerät, wenn es um die Risiken des Dampfens geht?

Ja, vielleicht. Und das wäre auch gar nicht so überraschend. Bei vielen Innovationen rückt der ursprüngliche Zweck in den Hintergrund oder wird zumindest durch andere Einsatzmöglichkeiten ergänzt. Computer waren als reine Rechenmaschinen gedacht, niemand hätte vorhergesagt, dass Computerspiele zur Unterhaltung einmal ein größerer Markt als die Filmindustrie werden. Das halte ich auch bei E-Zigaretten für möglich – sie können allgemein zum Einatmen von Substanzen genutzt werden. Das kann unproblematisch oder gar hilfreich sein, zum Beispiel für pharmakologische Applikationen. Es kann aber auch sehr problematisch werden, wenn zum Beispiel illegale Drogen oder stark gesundheitsschädliche Substanzen inhaliert werden – wie es jetzt die Entwicklung in den USA nahelegt.

E-Zigaretten lassen sich kaum noch über einen Kamm scheren, es gibt Apparate mit wenigen Watt Leistung, aber auch mit 200 Watt. Macht das ebenfalls die Risikoabschätzung schwieriger?

In der Tat. Neue, sehr leistungsstarke Geräte müssen gesondert bewertet werden. Toxikologisch entscheidend ist erstens, dass hohe Leistung oft auch hohe Temperaturen bedeutet. Bei 250 Grad statt zum Beispiel 120 Grad laufen ganz andere chemische Prozesse ab, möglicherweise entstehen deutlich mehr Giftstoffe. Zweitens ist die Dampfdichte und -menge potentiell deutlich höher. Es wird also Produkte geben, für die weiterhin die Einschätzung gilt, dass sie sehr viel weniger schädlich als Tabakzigaretten sind, aber auch andere, bei denen das zum Beispiel nur abgeschwächt zutrifft. Es wird eine Herausforderung, das schlüssig zu bewerten. Wir stehen bei dieser Aufgabe erst am Anfang.

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