„So schwierig wie jetzt war es noch nie“

Laura Deppe und Nino Haarhaus vor ihrem E-Zigaretten-Laden Tante Dampf in Berlin-Kreuzberg. Foto: Tante Dampf

Die schwerste Krise seit der Eröffnung ihres Dampf-Geschäfts: Laura Deppe und Nino Haarhaus reden nicht um die Schwierigkeiten der letzten Monate herum im Interview.




In ihren E-Zigaretten-Laden Tante Dampf in Berlin-Kreuzberg kommen weniger Kunden – eGarage hat nachgefragt, welche Kunden ausbleiben und wie es weitergeht. Bei den Dampf-Trends konstatieren die beiden die „vierte Liquid-Phase“.

eGarage: Meldungen aus den USA über Hunderte Erkrankungen im Zusammenhang mit der Nutzung von E-Zigaretten sind im Herbst schnell über den Atlantik geschwappt. Wie hat sich das auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

Laura Deppe: Wir haben das Ende August, Anfang September sehr schnell gemerkt, als die ersten Stories in Deutschland in den Medien auftauchten. Das ging Schlag auf Schlag. Die ersten großen Schlagzeilen über sogenannte E-Zigaretten-Tote haben quasi sofort dazu geführt, dass die Stimmung kippte und eine bestimmte Kundengruppe deutlich weniger in den Laden gekommen ist.

Wer denn?

Deppe: Die Neueinsteiger, ganz eindeutig. Die die sich in den letzten Monaten vielleicht vorsichtig überlegt haben, ob sie von der Tabak- auf die E-Zigarette umsteigen. Und dann zu uns kommen, um sich erstmals richtig zu informieren.

Ist das auf null zurückgegangen?

Nino Haarhaus: Nein. Vielleicht jeder zehnte der potentiellen Neueinsteiger ist trotzdem noch bei uns, so erfahren wir überhaupt etwas über die Überlegungen. Das sind aber die, die sich schon etwas besser informiert haben. Die, die mitbekommen haben, dass vermutlich illegale Produkte, bei denen es um THC, also E-Joints, geht. Das hat sich dann ja auch bewahrheitet.

Wie viele Kunden sind Ihnen abhandengekommen?

Deppe: Was fehlt, sind bestimmt 20 Kunden jeden Tag – davon eine Handvoll Neueinsteiger. Das klingt erst mal nicht so dramatisch. Ist es aber.

Warum?

Deppe: Weil diese neuen Umsteiger ja wiedergekommen wären, einige werden zu guten Kunden. Selbst wenn die Aufregung jetzt auf einmal völlig vorbei wäre, würden diese Kunden in den kommenden Jahren immer noch spürbar fehlen. Und mit jedem Tag wird es problematischer.

Geht auch die Stammkundschaft abhanden?

Deppe: Weniger, die kommen nach wie vor. Auf der anderen Seite gibt es da dann aber auch besonders krasse Fälle. Wir haben Kunden, die mit dem Dampfen aufgehört haben, um stattdessen wieder zu Rauchen aufgrund der Berichterstattung. Das ist absurd, da doch eindeutig geklärt ist, dass Dampfen deutlich weniger schädlich ist. Einer hat uns gesagt, dass ihm die Zigarette so schlecht geschmeckt hat, dass er trotzdem lieber dampft.

Mal zu den harten Zahlen: Sind Ihre Umsätze gesunken? Das hatte ja der Verband BfTG in einer Umfrage für die Branche festgestellt.

Deppe: Bei der Umfrage haben wir auch mitgemacht. Die genauen Zahlen für Tante Dampf wollen wir nicht so gerne sagen. Aber es ist deutlich und spürbar.

Immer noch? In den USA ist ja Entwarnung gegeben worden. Alle genau untersuchten Fälle zeigen ja, dass Vitamin-E-Acetat beigemischt wurde und die Probleme verursacht hat. Das ist aber in Deutschland und Europa gar nicht erlaubt in Liquids.

Haarhaus: Auf jeden Fall. Wir haben Tante Dampf vor sechs Jahren eröffnet, schwierige Momente erlebt und einiges an Herausforderungen bewältigt. Zum Beispiel die Einführung der europäischen Tabakproduktrichtlinien. Die Krise jetzt ist die schwerste, die wir je hatten.

Wie haben Sie auf die Krise reagiert?

Deppe: Wir haben versucht, so schnell wie möglich vor allem zu informieren. Über unsere begrenzten Kanäle: Persönliche Gespräche, soziale Medien, über eine selbstaufgebaute Linksammlung, über Infomaterial im Laden, ein Poster im Fenster. Das ist das, was wir machen können, aber damit erreichen wir realistisch betrachtet vor allem die Dampfer-Blase. Einzige Ausnahme war vielleicht die ARD, die unsere Mitarbeiter interviewt hat. Das war auch vom Ergebnis ok.

Gab es Entlassungen bei Tante Dampf?

Deppe: Nein. Das wäre wirklich das Mittel letzter Wahl. Die Mitarbeiter haben immer zu uns gehalten und wir halten zu ihnen. Und: Uns gibt es schon länger, wir haben viel Stammkundschaft, die uns zum Glück ihr Vertrauen schenkt. Deshalb schränken wir auch unser Sortiment nicht ein, wir bleiben nicht stehen. Hätten wir kürzlich expandiert und neue Filialen eröffnet, wäre die Lage sicher eine andere. Dann hätten wir vermutlich ein großes Problem, weil so ein neuer Laden erst einmal vor allem von Neukunden lebt.

Wie geht es den E-Zigaretten-Händlern in der Umgebung, in Berlin? Man tauscht sich ja aus…

Deppe: Wir hören zunehmend von Konsequenzen von anderen Gewerbetreibenden. Unter der Hand wird zum Beispiel der eine oder andere Laden zur Übernahme angeboten, das hat zugenommen, auch wenn es nur selten offen mit der Krise begründet wird.

Wie haben sich die Medien aus Ihrer Sicht geschlagen?

Haarhaus: Mal so, mal so. Es schwankt weniger von Medium zu Medium als von Autor zu Autor. Aber leider scheinen die negativen Auslegungen und die Panikmache immer stärker durchzudringen und sie werden im Zweifelsfall auch größer gespielt.

Deppe: Was vielleicht das Schlimmste verhindert hat ist, dass es bereits eine europäische Regulierung gibt, die über die Vorschriften in den USA hinausgeht. Damit konnte man gut argumentieren. Und auch das Bundesinstitut für Risikobewertung hat immer klar gesagt, dass in Europa durch im Laden erhältliche Liquids keine Erkrankungen wie in den USA zu erwarten sind.

Wie lange wird der Schaden wirken? Jahre?

Deppe: Das kann leider sein. Die E-Zigarette hatte es schon immer schwer, das ist klar. Sie hat sich ja nicht durchgesetzt, weil Medien oder das Gesundheitssystem oder die Politik nennenswert unterstützt hätten, im Gegenteil. Sie hat sich trotz viel Gegenwinds durchgesetzt, durch Mund-zu-Mund-Propaganda letztlich.

Politisch umstritten ist derzeit die Frage, ob die Werbung für E-Zigaretten komplett verboten werden soll zusammen mit Tabak-Reklame. Wäre das ein Problem?

Deppe: Wir sind da zwiegespalten. Um ehrlich zu sein: Die attraktivsten Kanäle für einen doch eher kleinen Laden wie unseren sind ohnehin schon verboten, zum Beispiel Facebook und andere Social Media. Plakat- und Kinowerbung können wir uns nicht leisten. Auf der anderen Seite wäre uns ein Werbeverbot auch nicht egal. Ein Großteil der Deutschen geht leider davon aus, dass E-Zigaretten schädlicher sind als normale Zigaretten. Das ist natürlich völlig falsch, die Gesundheitsschädlichkeit ist nach seriösen Schätzungen ungefähr 95 Prozent geringer. Wenn so großer Informationsbedarf besteht, ist es schlecht, wenn Werbung verboten wird.

Zurück zum normalen Geschäft: Was tut sich denn an Trends derzeit beim Dampfen?

Haarhaus: Richtig große Innovationen, die die Technologie grundlegend verändern, sehen wir nicht. Die E-Zigarette funktioniert ja inzwischen sehr gut! Probleme mit auslaufenden Tanks gibt es kaum noch, die Technik ist zuverlässiger geworden und die Bedienung intuitiver. Liquids haben sich stark verlagert von fertigen Mischungen zu Shake-and-Vape, den sogenannten Longfills. Verkauft werden also mittelgroße Flaschen mit Aroma, die vom Dampfer selbst mit Basis-Liquid – mit oder ohne Nikotin – aufgefüllt werden.

Deppe: Bei den Liquid-Geschmacksrichtungen sind wir gefühlt in der vierten Phase. Die erste Welle waren ganz klare, einfache Geschmäcker. Vanille oder Erdbeer oder Tabak. Dann wurden in einer zweiten Phase einfache Kombinationen gebildet – Erdbeer-Vanille, um im Beispiel zu bleiben. Dann kamen die komplexen, mit Fantasienamen betitelten Liquids auf. Teilweise auch sehr süß. Jetzt wird es gerade wieder ein bisschen klassischer und der Name gibt häufig wieder mehr Orientierung – und die Süße geht etwas zurück. Klar ist aber auch: Die Auswahl ist groß wie nie, die Zyklen sind schneller geworden.

Und die Tante-Dampf-Liquids?

Haarhaus: Wir decken da eigentlich alle Richtungen ganz gut ab – außer sehr süß. Das haben wir für unsere eigenen Liquids einfach noch nie so gerne gemocht.

Welche verkaufen sich am besten?

Deppe: Ganz vorne liegt die Kreuzberger Ernte – ein Tabakgeschmack – und dahinter die Grüne Minna, etwas Fruchtiges.

Zur Hardware: Geht der Trend weiterhin zu immer stärkeren Geräten?

Haarhaus: Nein, im Gegenteil. Kleine Pod-Systeme verkaufen sich gut, viele Dampfer merken: Das ist praktisch, vielleicht auch nur als Zweit-Dampfe. Und auch die Hauptgeräte werden nicht immer noch leistungsstärker. Man merkt ja, dass es auch an der Bushaltestelle nicht so gut ankommt, eine Riesenwolke zu produzieren. Im Gegenzug gehen die Nikotinstärken wieder etwas rauf.

Und zum Schluss: Was wünscht ihr euch für 2020?

Für Tante Dampf und die Dampfer im Allgemeinen, dass die Berichterstattung wieder positiver wird und die E-Zigarette wieder eine Chance bekommt. Alles andere können wir selbst beeinflussen, das nicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

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