Regulierungslücken im Fokus der Fachtagung

Die E-Zigarette steht massiv unter Druck. „Ein verzerrtes Licht“ werde angesichts der „traurigen Anlässe“ in den USA derzeit auf das Dampfen geworden, sagte Professor Heino Stöver eingangs – er hatte gestern zur 2. Fachtagung mit dem etwas sperrigen Titel „E-Zigaretten und ihre Bedeutung für Rauchentwöhnung/-reduktion und Public Health“ an seine Frankfurt University of Applied Sciences geladen. Der „überzeugte und begeisterte Schadensminimierer“ hatte drei Jahre nach dem ersten Auftakt eine ganze Reihe Referenten gewinnen können, die sich durchaus kritisch mit der E-Zigarette auseinandersetzten, aber insgesamt einen positiven Grundton wahrten.

Den Auftakt machte Frank Henkler-Stephani vom Bundesinstitut für Risikobewertung, den wir jüngst für eGarage interviewt hatten. Er strich noch einmal deutlicher als in dem Gespräch heraus, dass aus seiner Sicht die Zeiten vorbei sind, in denen es zu gelingen schien, die Risiken von E-Zigaretten einheitlich zu bewerten. Es sei „erforderlich und dringlich, dass gleiche Regeln für nikotinfreie Liquids gelten“ wie für nikotinhaltige Liquids.




Auch bei den Geräten sei es in Zukunft angezeigt, stärker zu differenzieren. So könne es zum Beispiel notwendig sein, E-Zigaretten mit mehr als zehn Watt Leistung anders zu bewerten als schwächere Varianten. Als Beispiel nannte er möglicherweise gefährliche Zersetzungsprozesse, zum Beispiel des Inhaltsstoffs Sucralose, der in einigen Liquids enthalten ist. Bei Temperaturen von über 120 Grad und teils auch noch deutlich mehr könnten ganz andere toxikologische Risiken zu erwarten sein. Insgesamt fiel seine Bewertung aber dennoch positiv aus: „Wir freuen uns über jeden, der von der Tabakzigarette wegkommt“, auch wenn E-Zigaretten keinesfalls komplett risikofrei seien. In den USA seien es aber wohl vor allem Straßen-Produkte, häufig in Verbindung mit THC, die die Erkrankungswelle verursacht hätten. „Einmal im Leben das falsche inhalieren und es hat fatale Folgen“, sagte Henkler-Stephani zum Beispiel zur Inhalation bestimmter Fette.

Contra Tabak, pro E-Zigarette: Strategie geht laut Forscherin in UK auf

Leonie Brose, Wissenschaftlicherin des britischen Centre for Smoking and Alcohol Studies, berichtete über die Lage im Vereinigten Königreich, wo es aus ihrer Sicht auf der einen Seite eine deutlich bessere Tabakkontrolle mit hohen Preisen und umfänglichen Rauch- und Werbeverboten gibt, auf der anderen Seite die E-Zigarette als Ausstiegshilfe ihren Weg ins Gesundheitssystem gefunden hat. Und sogar beworben werden darf, allerdings stark eingeschränkt zum Beispiel auf Busse und im Kino, wie Brose berichtete.

Eine Bestätigung der Gateway-Theorie, dass also Dampfer zu Rauchern werden und zudem Nikotinsucht damit weit verbreitet bleibt, lässt sich aus ihrer Sicht keinesfalls ableiten. Die Datenlage dreier unterschiedlicher britischer Nutzerbefragungen, die ständig aktualisiert würden, lieferten darauf keine Hinweise, die Zahlen seien direkt „langweilig“. Stabil etwa fünf Prozent der Bevölkerung nutzten E-Zigaretten, beim neuen Produkt Juul, das jüngst getrennt erfasst wurde, seien es nur 0,1 Prozent. 11 bis 13 Prozent der Ex-Raucher dampften. Und, wahrscheinlich am wichtigsten: Die Zahl derjenigen, die nie geraucht haben, aber E-Zigaretten mit Nikotin nutzten, sei „quasi null“. Sie hob hervor, dass es nun in Deutschland mit den Debra-Zahlen endliche eine vergleichbare Datenbasis gebe und die Ergebnisse ähnlich seien.

Insgesamt bekomme Großbritannien die Balance in der Tabak- und E-Zigaretten-Regulierung gut hin, so das Fazit von Brose. Die Zahl der Dampfer steige nicht, die der Raucher falle dagegen schnell. Aus dem Publikum kam die Nachfrage, ob die Unterstützung der Schadensminimierung, der zur Harm Reduction, „bröckelt“. Das sehe sie nun in Großbritannien nicht, antwortete Brose. Aber es sei zu beobachten, das viele andere Länder dem britischen Beispiel folgten.

DKFZ will klare Regeln, aber sieht deutliche Vorteile der E-Zigarette

Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) war mit der Abteilungsleiterin Tabakkontrolle wieder vor Ort auf der Frankfurter Tagung – und es wurde sehr deutlich, wie hoch der Druck bei dem Thema durch die Ereignisse in den USA derzeit ist. Ute Mons bekannte zunächst, sie haben „immensen Gegenwind“ für ihre Teilnahme bekommen und berichtete über voreingenommene Journalisten, die sie auf das Programm angesprochen hätten – sie habe aber bei einer unabhängigen wissenschaftlichen Veranstaltung keine Bedenken. Mons betonte auch, dass sie generell weder von Pharma- noch Tabakindustrie und auch nicht von E-Zigaretten-Unternehmen unterstützt werde.

In ihrer Präsentation betonte Mons, es sei weiterhin und mit immer besserer wissenschaftlicher Bewertungslage davon auszugehen, dass E-Zigaretten „erheblich weniger schädlich“ sind als herkömmliche Zigaretten. Auch habe unter anderem eine große Studie aus Großbritannien gezeigt, dass E-Zigaretten eine bessere Erfolgsquote hätten als andere Rauchstopp-Hilfen. „Wir wissen, dass E-Zigaretten nützlich sind beim Rauchstopp.“ Mons nimmt aber zum Beispiel auch die Sorgen um Jugendliche, die mit dem Dampfen anfangen, ernst.




Sie betonte deshalb, dass in der Regulierung der E-Zigarette und von Tabakprodukten entscheidend sei, die Regeln so zu gestalten, dass der Nutzen maximiert und der Schaden minimiert werde. Optionen zur Minimierung negativer Auswirkungen von E-Zigaretten seien zum Beispiel:

  • Nichtraucherschutz: Verbot eines Verkaufs an Jugendliche
  • Restriktionen bei Werbung, Promotion und Sponsonring
  • Besteuerung von E-Zigaretten in einem Maß, das Jugendliche vom Kauf abhält, aber deutlich weniger als Tabak
  • Restriktion von Aromen, die für Jugendliche attraktiv sind. Auf Nachfrage sagte sie aber, dass Aromen schwierig zu regulieren seien, weil sie auch das Dampfen für Raucher attraktiver machten.
  • Nutzungsverbote in Nichtraucherbereichen

Positive Auswirkungen könnten ebenfalls maximiert werden, etwa durch

  • Einwegprodukte besonders hoch besteuern
  • E-Zigarette als Methode zum Rauchstopp anerkennen, allerdings müsse der komplette Umstieg befördert werden.

Gleichzeitig darf aus Sicht von Mons aber auch nicht vergessen werden, was das Hauptproblem ist: Entscheidend sei es, die bestehenden Raucher in den Blick zu nehmen. Auch für die Regulierung nikotinfreier Liquids sprach sie sich aus. Es gebe „de facto ein Schlupfloch“ und es sei sinnvoll, nachzusteuern. Politische Erfahrungen in ihrer Arbeit beim DKFZ hätten sie zuletzt „sehr pessimistisch“ gemacht. Eine kohärente Tabakkontrollstrategie wie in Großbritannien gebe es in Deutschland nicht, sondern Debatten um einzelne Regulierungsfragen wie zuletzt das Tabakwerbeverbot.

„Schlüsselmoment für die E-Zigarette“

Der Publizist Dietmar Jazbinsek sieht in den Ereignissen in den USA einen „historischen Schlüsselmoment“, an dem die E-Zigarette und die Tabakerhitzer „wegkippen“ könnten. „In vielen anderen Regionen bleibt nicht viel mehr übrig als ein kleines Nischenprodukt“, sagte er zu den Aussichten für die E-Zigarette nach den Vorfällen in den USA. Dabei sei gar nicht entscheidend, was in den USA genau passiere. „Wenn Menschen Situationen als real definieren, dann sind sie real in ihren Konsequenzen.“ Die Lungenseuche sei vermutlich lediglich ein Schwarzmarktphänomen. Die Fälle, die man dokumentiert habe, stünden meist mit gepanschtem THC-Liquid in Zusammenhang. Die Welle an Empörung über die E-Zigarette können das aber nicht stoppen, so Jazbinsek, der zuletzt bei eGarage Gastbeiträge veröffentlicht hatte – und schloss also mit einer pessimistischen Einschätzung, denn auch er betont den großen Nutzen der E-Zigarette für die Tabakprävention.

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