Pro Juul, contra Gateway: Der alternative Drogenbericht

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Das ist schonmal gut: Der alternative Drogen- und Suchtbericht, der am Freitag erschienen ist, legt erkennbar einen starken Schwerpunkt auf die E-Zigarette.




Gleich vier Berichte (im Vorjahr waren es zwei) beschäftigen sich intensiv mit dem Dampfen. Was steht also drin in dem umfänglichen Papier, das einmal pro Jahr einen Gegenpol zum offiziellen Drogenbericht der Bundesregierung bilden will?

Zunächst einmal eine genaue Betrachtung der E-Zigaretten-Politik Großbritanniens. Denn so sehr die Briten mit ihrer Brexit-Politik irritieren, so stark sind sie doch in den vergangenen Jahren zu einem vernünftigen Vorbild bei der Tabakregulierung geworden. Auch Heino Stöver, Professor der Frankfurt University of Applied Sciences, sieht das so und heißt die Kombination aus harter Tabakregulierung (konsequente Werbeverbote, hohe Steuern etc.) und Förderung der E-Zigarette gut. Die sieht zum Beispiel vor, dass auch die Gesundheitswirtschaft die E-Zigarette unterstützt. Spannend ist, dass wohl viele Raucher, denen der Abschied von der Zigarette durch das Dampfen gelingt, anschließend Nichtraucher werden. Es sei nur eine Frage der Zeit, „bis eine Million Ex-Raucher mithilfe der E-Zigarette komplett nikotinabstinent geworden sind“, schreibt Stöver.

Deutschland könne viel davon lernen. Erstens, die „übergroße Skepsis“ ablegen. Zweitens eine Regulierung, die den Chancen der E-Zigarette Rechnung trage. Zum Beispiel müsse „sichergestellt werden, dass für dieses Produkt geworben werden darf“. Öffentliche Stellen sollten in Deutschland „deutlich intensiver als bisher über die Vorteile und Chancen der E-Zigarette für Zigarettenraucher aufklären und ihnen einen Umstieg nahelegen“. Mit einem positiven Ansatz, der sich global laut Stöver immer weiter durchsetzt, ließe sich in Summe in den kommenden zehn Jahren ein großer Fortschritt in Hinblick auf die Raucherzahlen in Deutschland schaffen.

Der Wissenschaftsjournalist Dietmar Jazbinsek vertieft im zweiten Beitrag des Berichts das Thema Werbung für E-Zigaretten, das schon Stöver aufgriff und das auch im vorigen Alternativ-Bericht eine wichtige Rolle spielte. Er arbeitet zum Beispiel heraus, dass die befürchtete Wirkung auf Jugendliche gering bleiben werden. „Ein generelles Werbeverbot würde sich nur auf einen Bruchteil des Bruchteils von 0,7 Prozent der Jugendlichen auswirken, die regelmäßig oder beinahe täglich dampfen“, argumentiert er auf Basis von Verbreitungszahlen.

Es sei auch deshalb sinnvoll, Raucher über Vorteile eines (vollständigen) Umstiegs auf die E-Zigarette zu informieren und gleichzeitig jede Form von Tabakwerbung zu verbieten. Das müsse allerdings mit Einschränkungen geschehen. Der Autor nennt unter anderem, dass Dual-Use nicht beworben werden dürfe, dass Jugendliche nicht angesprochen werden dürften und dass es Einschränkungen bei den Aussagen zur gesundheitlichen Wirkung geben müsse. „Aus diesem Grund erscheint es ratsam, eine unabhängige Prüfinstanz einzuschalten, der die Werbemotive vor ihrer Veröffentlichtung vorgelegt werden müssen.“

Drittens stellen Bernd Werse Bernd Werse von der Goethe-Universität Frankfurt und Anna Dichtl vom Institut für Suchtforschung Frankfurt die Frage, ob die E-Zigarette eine „Einstiegsdroge“ ins Tabakrauchen sei – und beantworten sie natürlich auch. Schließlich stehen in der öffentlichen Diskussion immer noch zwei Wahrnehmungspole gegeneinander: Die E-Zigarette könnte eine „Renormalisierung“ des Rauchens bewirken, das ohnehin auf dem Weg zur Ächtung ist. Andere sind davon überzeugt, dass das Dampfen nicht diesen Effekt hat, aber Rauchern, die aufhören wollen, dabei hilft. Kurz: Stimmt die „Gateway-Hypothese“?

Aus Sicht der beiden Forscher gibt es dafür keine belastbaren Anhaltspunkte. Sie referieren eine ganze Reihe zum Teil neuer internationaler Studien, die das unterstreichen – und steuern eine eigene Untersuchung bei: Schülerbefragungen im Rahmen eines Drogenmonitorings in Frankfurt am Main. Der tägliche Gebrauch von E-Zigaretten sei zwischen 2014 und 2016 von zwei auf vier Prozent der 15- bis 18-Jährigen gestiegen, dann aber wieder (2017) auf drei Prozent gefallen. Die Lebenszeit-Probierrate ist ebenfalls rückläufig. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Raucher seit 2012 drastisch. Täglich rauchen zum Beispiel statt 27 Prozent nur noch 11 Prozent (2017). Die Daten legen sogar nahe, so die beiden Forscher, dass der E-Zigaretten-Konsum eher vom Rauchen abhält als es zu befördern. Ihr Fazit: „Die in Deutschland immer noch weit verbreitete Skepsis gegenüber E-Produkten als Schadensminimierungsmaßnahmen für Raucher/innen ist also auch im Hinblick auf die Verbreitung unter Jugendlichen offenbar unbegründet.“




Im vierten Beitrag, dem mit Abstand längsten, widmet sich Dietmar Jazbinsek der „Juul-Story“ und bemüht sich, „Fakten“ und „Fake News“ über die „bekannteste E-Zigaretten-Marke der Welt“ voneinander zu trennen. Der Beitrag ist bemerkenswert, nicht zuletzt, weil er in einem Moment eine Lanze bricht für Juul, in dem das Unternehmen – auch hier auf eGarage – einiges an Kritik einstecken muss. Er wirft allen Seiten „Halbwarheiten und Übertreibungen“ vor und versucht, das Phänomen nüchtern zu betrachten. Neben offensichtlichen Überzogenheiten („macht extrem süchtig“) beschäftigt er sich dabei mit den harten Daten, die häufig der überzogenen Berichterstattung zugrundeliegen.

Zum Beispiel einer Studie, dass 3,6 Millionen US-Jugendliche die kleine, aber nikotinstarken Juul-E-Zigaretten nutzen. Hier sei insbesondere wichtig, dass es um eine sogenannte 30-Tages-Prävalenz geht, also alle Jugendlichen erfasst werden, die angeben, im vergangenen Monat gedampft zu haben. Auch wenn ein steiler Anstieg zum Vorjahr (50 bzw. 80 Prozent je nach Schulform) zu verzeichnen sei, könne deshalb von weit verbreiteter Nikotinabhängigkeit nicht die Rede sein. Gleichzeitig habe bei den Middle-School-Schülern das Rauchen ein „Allzeittief erreicht“ und die Rauchprävalenz insgesamt liege niedriger als vor der Juul-Einführung. „Für eine Renormalisierung des Rauchens (…) fehlt demnach jede empirische Evidenz“, schreibt Jazbinsek. Auch die in der Vergangenheit tatsächlich erfolgte Ansprache von Jugendlichen – die Juul inzwischen klar gestoppt hat – sei nicht verantwortlich für die Verbreitung, die Zahlen sprächen nicht für eine „durchschlagende Wirkung auf ‚die Jugend'“. Auch weitere Kritikpunkte am Erfolg von Juul, zum Beispiel den Einsatz von Aromen, versucht Jazbinsek zu entkräften.

Er sieht dagegen einige Vorteile. Pod-Systeme für Juul könnten E-Zigaretten für einen weiteren Kreis von Rauchern attraktiv machen. Der „Hobby-Charakter“ des Dampfens „schreckt viele eingefleischte Raucher von einem Umstieg“ ab. Dazu sei Juul vergleichsweise sicher. Und auch der hohe Nikotingehalt habe den Vorteil, dass relativ wenig Basis-Dampf eingeatmet werden müsse. Jazbinsek plädiert sogar dafür, die Nikotin-Grenze von 20 Milligramm pro Milliliter, die in Europa gilt, anzuheben. Sein Plädoyer: „Nur bei einer Anhebung der Nikotin-Obergrenze wird es möglich sein, das Potenzial der Pod-Systeme für die Tabakentwöhnung auszuschöpfen. Das wiederum wäre ein wichtiger Schritt für die Mission, die Juul Labs der eigenen Unternehmung vorangestellt hat und gegen die selbst hartgesottene Juul-Kritiker wenig haben dürften: ‚Wir wollen das Leben von weltweit einer Milliarde Raucher verbessern, indem wir die Zigaretten eliminieren.'“