Popcorn-Lunge durch Dampfen? Ein Lehrstück in Medien-Hysterie

Die Medien überschlagen sich mal wieder: „Von E-Zigaretten kriegt man eine Popcorn-Lunge“, schreibt die Bild-Zeitung und weiter: „E-Zigaretten sind weit gefährlicher als angenommen“.

Auch andere Massenmedien im Netz wie das Portal t-online und der Stern berichten. Die sogenannte Popcorn-Lunge ist eine schwere, häufig sogar tödlich verlaufende Krankheit, die wahrscheinlich maßgeblich durch Diacetyl, einen Aromastoff („Butter-Aroma“), ausgelöst wird. Der griffige Name entstand dadurch, dass von der „Bronchiolitis Obliterans“ besonders häufig Mitarbeiter von Mikrowellen-Popcornfabriken betroffen waren, die hohen Mengen Diacetyl in der Raumluft ausgesetzt waren.

Ist das Dampfen  nun also doch der zweitschnellste Weg ins Grab nach der Tabak-Zigarette? Ist das entscheidende Beweisstück für die Gefährlichkeit der E-Zigarette, nach dem die Kritiker verzweifelt suchen, nun endlich gefunden? Nein. Eher handelt es sich bei den Meldungen um ein Lehrstück darüber, wie sensationsheischende Forschung auf willige und schlecht informierte Medien trifft – und am Ende wieder der eine oder andere Raucher sich den Umstieg doch noch überlegt. Die Verteufelung dürfte auch nicht spurlos an der Politik vorübergehen, die den rechtlichen Rahmen angesichts solcher Meldungen wohl möglichst eng setzen wird.

Doch zurück zum Ausgangspunkt: Der Popcorn-Lungen-Panik. Auslöser ist eine Meldung der US-Elite-Uni Harvard. Von der dortigen T.H. Chan School of Public Health wurde kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der 51 E-Zigaretten-Liquids auf Diacetly getestet wurden. Der Dampf von 39 Liquids enthielt laut den Laborergebnissen Diacetyl in sehr unterschiedlichen Konzentrationen, von unterhalb der Schwelle, ab der der genaue Wert überhaupt gemessen werden kann bis 239 Mikrogramm pro Liquid-Befüllung. Im Schnitt lag der Diacetly-Wert allerdings weit darunter, nämlich bei neun Mikrogramm pro Kartusche.

Nun, für Laien lässt sich kaum abschätzen, ob das nun ein gefährlich hoher oder sehr niedriger Wert ist. Bei Giftstoffen ist diese Grenze tatsächlich oft schwierig zu ziehen. Doch ein entscheidender Vergleich fehlt in der Studie: Der mit herkömmlichen Zigaretten. Der US-Gesundheitswissenschaftler Michael B. Siegel macht darauf aufmerksam, dass der Rauch einer einzigen Tabakzigarette 335,9 Mikrogramm Diacetyl enthält. Ein Raucher, der 20 Zigaretten am Tag konsumiert, nimmt also knapp 7000 Mikrogramm Diacetly auf! Wenn man annimmt, dass ein Dampfer eine Befüllung pro Tag verbraucht, gelangt nur gut ein Dreißigstel der Diacetylmenge im Vergleich zu einem Raucher in seinen Körper – vorausgesetzt er raucht unter den 51 Liquids ausgerechnet jenes mit der höchsten Diacetylmenge. Im Schnitt aller Liquids nimmt ein Raucher 700 Mal soviel Diacetly zu sich.

Diese Verhältnisse machen eine genaue gesundheitliche Bewertung von Diacetyl im Grunde schon völlig überflüssig, da sich zeigt: Ein legales Produkt, die Tabakzigarette, enthält Diacetyl in einer ganz anderen Größenordnung als das „schlimmste“ Liquid.

Es ist schon ein starkes Stück von den Forschern aus Harvard, diese Einordnung nicht selbst in der Studie und der Pressemeldung vorzunehmen. Dass viele Medien so eine Steilvorlage unkritisch übernehmen und sich nicht darum bemühen, die Angaben in ein relevantes Verhältnis zu setzen, führt dann mal wieder zu den negativen Schlagzeilen und der weitgehend einseitigen Berichterstattung, an die wir uns leider schon längst gewöhnt haben.

Nichtsdestotrotz: Dass E-Zigaretten sehr viel ungefährlicher als Tabak-„Pyros“ sind, bedeutet nicht, dass das Produkt nicht noch verbessert werden kann. Natürlich sollten alle Giftstoffe so weit wie möglich minimiert werden. Die E-Zigaretten-Branche würde zudem gut daran tun, ihre Transparenz über Inhaltsstoffe und insbesondere Aromen zu erhöhen – um rufmordartigen Meldungen wie jenen der vergangenen Tage sofort deutliche Fakten entgegensetzen zu können.