Nikotin-Forscher Fagerström im Interview

Karl Fagerström ist einer der bekanntesten Suchtforscher der Welt. Insbesondere die Tabak- und Nikotinforschung hat er vorangetrieben.




Der sogenannte Fagerström-Test ist nach ihm benannt, durch ihn kann mittels weniger Fragen das Ausmaß der Abhängigkeit recht zuverlässig eingegrenzt werden. Der Test ist immer noch häufig im Einsatz. eGarage konnte mit dem inzwischen zur Ruhe gesetzten Professor sprechen – er wohnt ein paar Schritte vom Meer entfernt auf einer Insel vor Stockholm. Fagerström ist allerdings noch als Berater aktiv. Eine Besonderheit in Schweden, die Fagerström intensiv erforscht hat, ist die weite Verbreitung einer Art Kautabak in Säckchen, die in die Mundhöhle gelegt werden. Er und viele andere gehen davon aus, dass die sehr niedrigere Raucherquote in Schweden nur durch die Verbreitung von Snus gut zu erklären – und damit gezeigt wird, wie einflussreich Mittel zur Schadensminderung bei der Tabak- und Nikotinsucht sind.

eGarage: Herr Fagerström, wie sind Sie zur Schadensbegrenzungs- und zur Suchtforschung gekommen?

Karl Fagerström: In den frühen 1970er Jahren, als ich mit Drogenabhängigen arbeitete. Es war die Zeit, als Methadon eingeführt und erstmals getestet wurde. Mehr oder weniger alle Drogenabhängigen haben geraucht. Und man sagte mir, dass es genauso schwierig sei, mit dem Rauchen aufzuhören wie mit Heroin oder Amphetaminen. Ich dachte erst einmal: Das kann nicht wahr sein. Also begann ich, das Thema wissenschaftlich zu untersuchen, während ich weiterhin mit Süchtigen im Kontakt blieb. Am Ende war ich von ihrer Einschätzung selbst überzeugt. Es ist in der Tat extrem schwierig, mit der Tabaksucht aufzuhören. So begann mein Interesse an Tabaksucht und Rauchen. Und deshalb gründete ich 1975 eine kommunale Raucherklinik.

Wie hat sich Ihr Verständnis von diesem Zeitpunkt an weiterentwickelt?

Damals wurde das Rauchen weitgehend als „schlechte Angewohnheit“ betrachtet, als etwas Lästiges, das man weitgehend durch reine Willenskraft in den Griff bekommen kann. Ich kam bald zu dem Schluss, dass eine so starke Abhängigkeit eine große Substanzkomponente haben muss und dass Nikotin eine zentrale Rolle spielt. Ich hatte auch den Eindruck, dass wir eine Skala brauchen, um zu messen, wie stark die Abhängigkeit ist. Also entwickelte ich einen Test, der später als Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit bezeichnet wurde.

Jetzt wird er oft als Fagerström-Test für Zigarettenabhängigkeit bezeichnet – weil Sie den Namen 2010 geändert haben. Warum haben Sie diese Initiative ergriffen?




Der Grund dafür ist, dass Nikotin an sich nicht unbedingt zu einer Abhängigkeit führt. In einigen Fällen ist das ganz offensichtlich. Zum Beispiel missbraucht kaum jemand Nikotinpflaster oder Nikotinkaugummis zu Freizeitzwecken, einfach weil es so lange dauert, bis das Nikotin in den Körper und ins Gehirn gelangt, dass es kaum eine Art Belohnung für die Einnahme gibt. Das begegnet uns häufig bei Drogen: Sie müssen in der Regel schnell ins Gehirn gelangen, damit sich eine starke Abhängigkeit entwickelt. Außerdem gilt generell: Je mehr Verhaltensaspekte mit dem Konsum einer Droge verbunden sind, desto stärker ist die Abhängigkeit. Das Zigarettenrauchen ist mit vielen Verhaltensweisen verbunden. Man tut es nicht nur viele Male am Tag, sondern es gibt auch Rituale, die mit dem Konsum der Droge verbunden sind, wie zum Beispiel das Aufsuchen eines bestimmten Ortes zum Rauchen, das Anzünden der Zigarette und natürlich das Einatmen des Rauches und der Geschmack der Zigarette. Daher war der von mir entwickelte Test zwar für Raucher geeignet, nicht aber beispielsweise für Snus-Konsumenten. Snus ist der schwedische Kautabak, der hierzulande weit verbreitet ist, während nur sehr wenige Menschen in Schweden rauchen.

Wäre für E-Zigaretten ein anderer Test erforderlich, um den Grad der Abhängigkeit einer Person zu bestimmen?

Auf jeden Fall. Für jede Form der Nikotinabgabe ist ein anderer, speziell entwickelter Test erforderlich, um ausreichend genau zu sein.

Was ist nun stärker beim Rauchen? Die Substanzabhängigkeit oder die Verhaltensaspekte?

Das hängt von der jeweiligen Person und den Umständen ab, aber es gibt zahlreiche Belege dafür, dass der Verhaltensaspekt im Vergleich zur Substanzabhängigkeit recht schwerwiegend sein kann. Ein hervorragendes Beispiel sind Menschen, die keinen Rauch inhalieren, aber viele Zigaretten rauchen. Der Nikotinspiegel im Blut ist in der Regel sehr niedrig, wenn der Rauch nicht inhaliert wird. Dennoch kann es für viele dieser Menschen sehr, sehr schwierig sein, mit dem Rauchen aufzuhören. Es ist auch sehr nützlich, süchtige Verhaltensweisen ohne Substanzkonsum zu betrachten. Das Nägelkauen zum Beispiel lässt sich nur schwer aufgeben, und in vielen Fällen treten sogar Entzugserscheinungen nach dem Stopp auf. Insgesamt kann der Gewohnheitsaspekt in einigen Fällen wichtiger sein als der Substanzaspekt. Bei den meisten Rauchern scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein, und die Substanzabhängigkeit ist gravierender.

Welches ist Ihrer Meinung nach das wirksamste Nikotinverabreichungssystem, wenn Raucher, die nicht komplett aufhören können, eine weniger schädliche Alternative suchen?

Heutzutage würde ich sagen, es sind E-Zigaretten. Am Anfang waren sie eher ein Ersatz für die Gewohnheit. Sie lieferten nicht viel Nikotin. Aber heute, mit den moderneren Geräten, erhält man ungefähr die gleiche Menge an Nikotin wie mit normalen Zigaretten. Außerdem ist, wie bereits erwähnt, der Verhaltenseffekt wichtig, und auch in dieser Hinsicht scheinen E-Zigaretten gut zu funktionieren. Es dürfte also nicht überraschen, dass E-Zigaretten in Studien, in denen sie mit anderen Ersatzmethoden wie Kaugummis oder Pflastern verglichen werden, sehr gut abschneiden.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach so viele Einwände gegen den Gebrauch von E-Zigaretten?

Aus meiner Sicht ist das schwer zu verstehen. Sicherlich gibt es einige Gesundheitsrisiken, aber in einem ganz anderen Ausmaß als bei herkömmlichen Zigaretten. Viele Einwände kommen von Menschen, die zum Beispiel selbst gerne Kaffee oder Alkohol trinken. Die sozialen Kosten von Alkohol sind enorm. Für mich ist es schwer zu verstehen, warum Nikotin nicht in einer Weise verwendet werden sollte, die die Gesundheitsrisiken drastisch verringert.

Die Raucherquote in Schweden ist sehr niedrig, aber Snus, eine Art Oraltabak, der in der EU verboten ist, wird stark konsumiert. Wie kam es dazu?

Meiner Meinung nach ist dies ein gutes Beispiel dafür, wie eine wirksame und weniger schädliche Alternative zum Rauchen den Zigarettenkonsum drastisch reduzieren kann. In Schweden wurde Snus traditionell vor allem von der Arbeiterklasse verwendet. Als in den 1970er Jahren bekannt wurde, wie schädlich das Rauchen ist, begannen viele, auf Snus umzusteigen, das ab etwa diesem Zeitpunkt in kleinen Beuteln verpackt und somit praktischer und hygienischer wurde. Ein großer Vorteil: Man kann Snus überall benutzen, im Flugzeug oder im Büro. Es ist ein sehr attraktives alternatives Nikotinprodukt. Schweden hat gut daran getan, eine Ausnahme vom Snus-Verbot auszuhandeln, als es Teil der Europäischen Union wurde.

Sollte es in der EU verboten bleiben?

Nein, natürlich nicht! Es wäre ein sehr gutes Instrument zur Bekämpfung des Rauchens und würde die Gesundheitsrisiken drastisch reduzieren. Es gibt zwar einige Risiken, aber wie bei den E-Zigaretten liegen sie in einer anderen Größenordnung.

Zigarettenrauch besteht nicht nur aus Nikotin, sondern auch aus vielen anderen Stoffen, die die Sucht zu verstärken scheinen. Könnte dieser Unterschied ein Grund dafür sein, dass nicht jeder auf E-Zigaretten umsteigt, sondern Snus wirksamer ist?




Das ist ein hervorragender Punkt. Es gibt Nikotinanaloga im Tabakrauch, zum Beispiel Nornicotin und Cotinin, und auch andere Stoffe, die die Monoaminoxidase beeinflussen, also den Abbau von Dopamin, einem Stoff, der die Stimmung reguliert. Das ganze Bild ist sehr kompliziert und nicht sehr gut verstanden, aber wenn wir uns Tierversuche ansehen, sehen wir, dass sich Tiere sich diese Substanzen selbst verabreichen und dass sie anscheinend mit Nikotin zusammenwirken, um eine viel stärkere Abhängigkeit zu schaffen. Und diese Stoffe gelangen auch über Snus in den Blutkreislauf. Alles in allem, ja, ich stimme zu, könnte es sein, dass Snus bei der Verringerung der Raucherquote so wirksam ist, weil er auf der Ebene der Substanzen ein vollständigerer Ersatz für das Einatmen von Zigarettenrauch ist. Und es bedeutet auch, dass der Umstieg auf E-Zigaretten bereits ein großer Schritt ist und nicht für jeden leicht ist.

Ist Snus eine Einstiegsdroge für das Rauchen?

Darauf gibt es keine Hinweise. 18 Prozent der schwedischen Männer nutzen Snus. Aber wir haben trotzdem eine konstant niedrige Raucherquote, die bei vier Prozent der Erwachsenen liegt. Nein, Snus hält die Menschen vom Rauchen ab, und zwar dauerhaft.

Was ist mit jungen Menschen? Viele fangen offenbar mit Snus an, ohne vorher zu rauchen.

Ja, das ist sicherlich der Fall, und man könnte das auch als Nachteil sehen. Die Raucherquote ist in Schweden seit Jahren niedrig, und daher sind die Snus-Konsumenten sicher nicht alle ehemalige Raucher. Das muss man einfach akzeptieren. Aber es ist nicht sehr schädlich für die allgemeine Volksgesundheit, und ohne Snus wären womöglich andere Drogen beliebter – unter anderem das Rauchen. Ich denke, niemand würde bestreiten, dass Schweden insgesamt sehr gut damit gefahren ist, den Verbrauchern eine Alternative zum Rauchen zu belassen. Kann man eine drogenfreie Gesellschaft erreichen? Ich halte das für naiv, wenn man sich die Geschichte der Menschheit ansieht. Wir sollten aber sehr darauf achten, dass wir keine gefährlichen Alternativen zum Rauchen zu fördern. In den USA nimmt zum Beispiel das Rauchen von Cannabis stark zu, während das Rauchen von Zigaretten zurückgeht. Das ist ein schlechter Kompromiss, denn das Einatmen des Rauches eines Joints ist ebenfalls sehr schlecht für die Gesundheit.

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