Interview: Das Suchtpotenzial beim Dampfen ist deutlich niedriger im Vergleich zum Rauchen

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Warum brauchen Dampfer Nikotin und wie wirkt es? Und warum tun sich Raucher so schwer damit, ihre Sucht zu überwinden? Bernhard-Michael Mayer ist Professor an der Karl-Franzens-Universität im österreichischen Graz und leitet dort das Institut für Pharmakologie und Toxikologie. Im Interview mit eGarage erzählt er von seiner jahrelangen Suche nach den Gründen für den „modernen Mythos“, dass Nikotin schon in niedrigen Dosis tödlich ist. Und er setzt sich vehement gegen strenge Regeln für E-Zigaretten ein.

eGarage: Herr Professor Mayer, Sie sind Ex-Raucher und Dampfer. Was sagt Ihr Arzt dazu?

Mayer: Das ist ein Kollege, der sich eigentlich auskennt, ein guter Mediziner. Aber das Thema Rauchen und E-Zigarette hat er nicht richtig verstanden. In meiner Akte steht drin: Ex-Nikotin-Abusus, also Missbrauch. Dabei dampfe ich ja sogar noch. Für den ist klar: Tabakkonsum ist Nikotinmissbrauch. Das ist in unseren Köpfen tief verankert.




Und das ist falsch?

Ja, das ist falsch, oder zumindest nicht vollständig. Nikotin ist nicht die Hauptkomponente der Suchtwirkung des Tabakrauchs, da spielen zahlreiche andere Substanzen und auch Verhaltensabhängigkeit eine wichtige Rolle.

Lassen Sie uns erst einmal beim Nikotin bleiben, das die meisten Dampfer ja weiter zu sich nehmen. Was wissen wir darüber?

Nikotin stimuliert Rezeptoren für Acetylcholin, einen körpereigenen Neurotransmitter. Ganglien, die Übertragungsstellen im vegetativen Nervensystem, werden stimuliert, sodass unter anderem die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen. Das wird oft als wesentliche negative Auswirkung von Nikotin dargestellt. Allerdings sind das kurzfristige Effekte, die auch beim Konsum von Kaffee oder bei körperlicher Betätigung auftreten und vollkommen harmlos sind.

Wie wirkt sich Nikotin auf die Psyche aus?

Konzentrations- und Merkfähigkeit steigen, auch ein antidepressiver Effekt könnte zur erwünschten Wirkung beitragen. Es gibt aber auch Hinweise, dass Nikotin langfristig einen gewissen Schutz gegen Alzheimer und Parkinson bietet.

Das klingt insgesamt nicht sonderlich schlimm, ja sogar positiv. Aber Nikotin ist doch hochgiftig, oder?

In sehr hohen Konzentrationen blockiert es die Funktion von Nervenzellen. Das ist die Definition von Nervengift, also könnte man Nikotin formal als Nervengift bezeichnen. Jedoch: Wirklich lebensgefährlich ist es erst in sehr hohen Konzentrationen, die man durch Dampfen oder Rauchen niemals erreicht, vermutlich auch nicht durch Verschlucken. Nur intravenöses Spritzen wäre eine Möglichkeit, sich mit Nikotin das Leben zu nehmen. Aber auf diese Weise gelingt es auch mit Luft.

Von Medizinern heißt es aber immer: Finger weg, Nikotin ist tödlich, schon in recht geringen Dosen.

Das ist ein moderner Mythos, vergleichbar vielleicht mit dem angeblich hohen Eisengehalt von Spinat. Es gibt meines Wissens nach keinen dokumentierten Suizid mit Nikotin, nur dokumentierte Einzelfälle, bei denen Nikotin in Kombination mit stark wirkenden Psychopharmaka oder absichtlicher Reduktion der Sauerstoffzufuhr, der Fachbegriff lautet Asphyxiation, verwendet wurde. Vor allem aber: Die tödliche Nikotindosis ist deutlich höher als weit über ein Jahrhundert lang in Lehrbüchern dargestellt.

Wie kommen Sie darauf?

Ich habe vor einigen Jahren in der Fachliteratur die Quelle für die angeblich tödliche Dosis gesucht, nachdem mich Dampfer darauf angesprochen haben. Angeblich sollte ja das Verschlucken von 60 Milligramm Nikotin tödlich sein. Meine Recherche zeigte, dass die Bezüge zirkulär waren: Ein Lehrbuch zitierte ein anderes, das wiederum auf eine Datenbank Bezug nahm, die es wiederum aus dem ersten Lehrbuch hatte. Immer im Kreis. In der deutschen Zwischenkriegsliteratur entdeckte ich schließlich einen Hinweis auf ein Lehrbuch von 1905, in dem die letale Dosis auf 60 Milligramm geschätzt wurde. Grundlage für diese Schätzung war ein mehr als fragwürdiger Bericht über Selbstversuche, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien durchgeführt wurden. Das ist die Quelle, die mehr als 100 Jahre lang niemand in Frage gestellt hatte.

Und die ist falsch?

Ja. Die tödliche Dosis ist mindestens zehn Mal höher. Basierend auf historischen Vergiftungsfällen mit dokumentierten Nikotin-Blutspiegeln, zum Beispiel Vergiftungen von Gärtnern, die im Gewächshaus nahezu reines Nikotin als Pestizid eingesetzt haben, errechnete ich eine tödliche Dosis von etwa ein Gramm Nikotin.

Das schafft man kaum mit normalen Liquids.

Richtig. Außerdem bewirkt das Verschlucken von Nikotin starken Brechreiz, sodass nur ein Teil davon vom Körper aufgenommen wird.

Nun gut, Nikotin mag weniger gefährlich sein als lange angenommen. Aber wie süchtig macht der Stoff?

Das ist eine schwierige Frage, die nicht eindeutig zu beantworten ist, da kaum Studien am Menschen vorliegen und die Ergebnisse von Tierversuchen unklar und teils widersprüchlich sind. Untersuchungen am Menschen haben ergeben, dass die langfristige Verabreichung von Nikotin über die Haut durch Nikotinpflaster zu keiner Abhängigkeit von Nichtrauchern geführt hat. Da gibt es wiederum das Gegenargument, das langsame Anfluten von Nikotin aus Nikotinpflastern mache den Unterschied. Nur ein schnell ansteigender Nikotinspiegel mache süchtig. Aber auch das ist umstritten. Klar ist dagegen: Süchtig macht Nikotin vor allem in Kombination mit anderen Inhaltsstoffen des Tabakrauchs. Das haben auch Tierversuche deutlich gezeigt.

Welche Stoffe sind das?

Das sind vor allem Inhibitoren des Enzyms Monoaminoxidase (MAOIs), die im Tabakrauch enthalten sind. Diese Substanzen blockieren den Abbau von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im zentralen und vegetativen Nervensystem. Somit führt die Verabreichung von MAOIs zu einer erhöhten Konzentration der Neurotransmitter im Körper, worauf deren stimmungsaufhellende Wirkung beruht. Nahezu alle Antidepressiva, die am Markt sind, erhöhen die Serotonin-Spiegel.

Wie spielt das mit Nikotin zusammen?

Salopp formuliert kann man sagen: Nikotin fördert die Dopamin-Freisetzung, das wiederum fördert die Serotinin-Freisetzung, und die MAOIs hemmen den Abbau dieser Stoffe. Das ist ein klassischer Fall von Synergismus, also der gegenseitigen Verstärkung der Wirkungen unterschiedlicher Substanzen. Interessanterweise wirken die MAOIs aus dem Tabakrauch sehr lange, möglicherweise sogar einige Wochen.

Bei vielen Rauchern, die aufs Dampfen umsteigen, lässt sich  nach zwei, drei, vier Wochen feststellen, dass sie Probleme damit bekommen und der Druck, zur Zigarette zu greifen, deutlich ansteigt. Also dann offenbar, wenn der MAOI-Vorrat aufgebraucht ist.

Das ist wissenschaftlich nicht präzise untersucht, aber durchaus möglich. Es könnte illustrieren, wie enorm die Wirkung von Tabakrauch im Vergleich zu Nikotin alleine ist.

Gibt es noch andere Inhaltstoffe im Tabakrauch, die zur Sucht beitragen?

Möglich wäre zum Beispiel, dass das Kohlenmonoxid im Rauch den „Kick“ erhöht. Es verdrängt ja Sauerstoff aus dem Hämoglobin. Manche Menschen nutzen bei Sexspielen die gefährliche Praxis, durch verschiedene Maßnahmen, zum Beispiel mit einem Klebeband über dem Mund, ihre Sauerstoffzufuhr kurzfristig zu vermindern. Sauerstoffmangel könnte also auch ein gewisses Belohnungspotenzial haben. Ich spekuliere hier aber nur, darüber weiß man nicht genau Bescheid.

Wenn Nikotin eine vergleichsweise geringe Rolle spielt, warum bleiben dann viele Ex-Dampfer doch bei nikotinhaltigen Liquids? Sie scheinen den Stoff zu brauchen.

Das ist nicht gut erforscht. Versuche mit Ratten haben gezeigt, dass die Tiere nach Etablierung von Tabaksucht nikotinabhängig bleiben, während bei unbehandelten Tieren keine Abhängigkeit auftrat. Man hält also einen Teil der stofflichen Abhängigkeit aufrecht, weil man sie durch das Rauchen erlernt hat. Ich denke aber, dass die Psyche eine große Rolle spielt. Raucher glauben, dass sie weiterhin Nikotin brauchen, auch wenn das vielleicht gar nicht der Fall ist. Außerdem ist die Abhängigkeit von Rauchern nicht nur substanzspezifisch, auch erlernte Verhaltensweisen spielen eine wesentliche Rolle, wie zum Beispiel etwas zu inhalieren und etwas in der Hand zu halten und zum Mund zu führen.

Was bedeuten diese Erkenntnisse zusammengenommen?

Ich glaube, das ist völlig klar. Die E-Zigarette ist das ideale Produkt, um Tabaksüchtigen zu helfen, die sich schweren gesundheitlichen Schaden zufügen.Vielen gelingt damit der Ausstieg, die das mit anderen Methoden nicht geschafft haben. Das liegt wohl daran, dass ein gewisser Teil der Suchtmuster des Rauchens aufrecht erhalten werden kann, sowohl auf stofflicher Ebene als auch beim Verhalten. Außerdem ist das Suchtpotenzial der E-Zigarette sehr viel geringer als das des Rauchens. Das legen die Erkenntnisse zum Nikotin nahe, aber auch die Ergebnisse von Populationsstudien: Es gibt kaum Menschen, die nie geraucht haben und nun zur E-Zigarette mit Nikotin greifen.

Wie sollte die Politik darauf reagieren?

Die Politik sollte das Dampfen so effizient wie möglich fördern. Man sollte Werbung dafür machen, statt sie zu verbieten. Eigentlich müsste sogar der Staat Plakate mit hübschen Mädels und coolen Jungs mit E-Zigarette in der Hand aufhängen. Man sollte die E-Zigarette auch möglichst preisgünstig machen oder sogar gratis auf Rezept ausgeben, wie das in England diskutiert wird. Gerade einkommensschwächere Leute rauchen überdurchschnittlich viel und sollten Zugang zu einer Alternative haben. Die strikte Regulierung von E-Zigaretten bis hin zu einem de facto Verbot hat vor allem eine Wirkung: Weniger Menschen hören auf zu rauchen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Mayer.

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