Große neue Studie zeigt: E-Zigarette hilft bei Rauchstopp

Professor Peter Hajek, Studienautor

Ist die E-Zigarette das Mittel der Wahl, um mit höherer Wahrscheinlichkeit das Rauchen ganz aufzugeben?




So seltsam es angesichts der persönlichen Erfahrung vieler Dampfer klingt: Durch die Forschung beantwortet ist diese Frage bislang noch nicht endgültig. Doch seit dem späten Mittwochabend liegt eine aufwändige und nach strengen Regeln der Wissenschaft durchgeführte Studie vor, die genau das belegen kann. Sie wird mit großem Tusch ins Rennen geschickt: Zahlreiche, auch deutsche, Forscher meldeten sich sofort zu der Untersuchung zu Wort, um sie einzuordnen. Dazu gleich mehr – und, ja, auch das Deutsche Krebsforschungszentrum hat sich geäußert, und zwar sehr deutlich. Zunächst aber die wichtigste Frage: Was ist eigentlich herausgekommen und wie kamen die Ergebnisse zustande?

Eine britische Forschergruppe um den britischen Wissenschaftler Peter Hajek, den eGarage bereits auf einer Podiumsdiskussion in Berlin begrüßen durfte, hat eine soganannte randomisiert-kontrollierte Studie durchgeführt. Das heißt, wichtige Kriterien, damit es zu keinen statistischen Fehlern kommen kann, wurden eingehalten. E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung wurden mit anderen Mitteln wie Nikotinpflastern und -kaugummis verglichen, das jeweilige Hilfsmittel wurde zufällig („randomisiert“) insgesamt 886 Probanden zugeteilt. Das Ergebnis nach einem Jahr: 18 Prozent der Raucher blieben „clean“, mit der Hilfe von anderen Nikotinersatzprodukten waren es lediglich 9,9 Prozent. Vier Wochen lang wurden die (Ex-)Raucher von Ärzten untersucht und dann weiter kontrolliert.

Die Stimmen zu der Studie sind zurückhaltend bis stark unterstützend und wurden vom Science Media Center Germany zur Verfügung gestellt:

Heino Stöver, Frankfurt University of Applied Science:

„Die Ergebnisse der Studie von Hajek et al. belegen zum ersten Mal in einer groß angelegten klinischen Studie, dass die E-Zigarette einen wesentlichen Beitrag zum Rauchstopp leistet – verglichen mit dem bisher als ‚Gold Standard‘ angesehenen Weg. Bisher wird der Einsatz von Nikotinersatzprodukten und verhaltenstherapeutischer Unterstützung für Raucher empfohlen.“

Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg:

„Bei der Arbeit handelt es sich um eine randomisiert-kontrollierte Studie – dies ist der Goldstandard bei Studien zur Überprüfung der Wirksamkeit von Therapien. Bislang gibt es erst zwei vergleichbar hochwertige randomisiert-kontrollierte Wirksamkeitsstudien zum Nutzen von E-Zigaretten in der Tabakentwöhnung. Beide wurden im Jahr 2013 veröffentlicht und beide hatten E-Zigaretten der ersten Generation verwendet, die das Nikotin weniger effizient abgeben als neuere Geräte. Insofern sind die Erkenntnisse dieser neuen Studie, die methodisch sehr gut gemacht ist und in der eine E-Zigarette der zweiten Generation verwendet wurde, hochwillkommen.

Nur eine der beiden früheren Studien hatte E-Zigaretten mit Nikotinersatzprodukten verglichen – die Ergebnisse zeigten eine vergleichbare Wirksamkeit von E-Zigaretten und Nikotinersatzprodukten.

Dass in der jetzt erschienenen neuen Studie eine so deutliche Überlegenheit von E-Zigaretten gegenüber Nikotinersatzprodukten gezeigt werden konnte, ist daher durchaus etwas überraschend. Dieser Unterschied könnte vor allem auf die höhere und effizientere Nikotinabgabe der moderneren E-Zigaretten zurückzuführen sein.

Die aktuellen Leitlinien zur Behandlung der Tabakabhängigkeit sind im Jahr 2015 veröffentlicht worden und basieren auf den wenigen älteren Studien zur Wirksamkeit von E-Zigaretten, die noch keine klaren Therapieempfehlungen ermöglicht haben. Entsprechend wurden E-Zigaretten in der Leitlinie nicht zur Tabakentwöhnung empfohlen.

Der Dachverband Sucht hat allerdings im Jahr 2017 auf der Grundlage neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse – auch zur mittlerweile unstrittigen geringeren Schädlichkeit von E-Zigaretten im Vergleich zu herkömmlichen Tabakzigaretten – empfohlen, dass die E-Zigarette bei der Tabakentwöhnung eingesetzt werden kann, wenn leitliniengerechte psychotherapeutische und/oder medikamentöse Maßnahmen zur Tabakentwöhnung nicht wirksam sind oder nicht gewünscht werden.

Derzeit läuft der Prozess zur Überarbeitung der aktuellen Leitlinie zur Behandlung der Tabakabhängigkeit an. Die Ergebnisse dieser Studie werden sicherlich bei der Überarbeitung der Empfehlungen der Leitlinien berücksichtigt.“

Ann McNeill, Professor of Tobacco Addiction at the Institute of Psychiatry Psychology & Neuroscience, King’s College London:

„This is a very well-carried out randomised controlled trial using the highest standards of reporting and it demonstrates that unlicensed e-cigarettes were almost twice as effective as licensed nicotine replacement therapies for smokers attending Stop Smoking services.“

Onno van Schayck, Professor für Präventionsmedizin, Maastricht University:

„Das ist eine sehr gute Studie, ich würde sie als einen Meilenstein bezeichnen. Es ist die erste Publikation, die echte Beweise dafür liefert, dass es einen Mehrwert gibt, E-Zigaretten zur Raucherentwöhnung zu verwenden. Aber es können auch einige Anmerkungen gemacht werden. Vielleicht sind die Schlussfolgerungen etwas zu positiv formuliert. Die Autoren versuchten, eine pragmatische, realitätsnahe Studie durchzuführen. Das ist im Allgemeinen eine gute Sache, bringt jedoch auch Hindernisse mit sich, handfeste Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Wissenschaftler bitten die Teilnehmer beispielsweise, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, dass sie sich im ersten Monat an das Protokoll halten. Aber was geschieht in den nächsten 11 Monaten?“

Sven Schneider, Leiter der Forschungsabteilung Kindergesundheit am Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin, Universität Heidelberg:

„Einerseits ist diese randomisierte Studie methodisch einwandfrei konzipiert und nach den üblichen Standards ausgewertet. Andererseits existieren allerdings mehrere Studien mit gegenteiligen Befunden. Zudem muss bei der Bewertung der Ergebnisse berücksichtigt werden, dass sich dieses wissenschaftliche Experiment in mindestens drei Aspekten von dem alltäglichen Gebrauch von E-Zigaretten unterscheidet: Erstens haben die Probanden, also auch die Nutzer von E-Zigaretten, zusätzlich eine sehr intensive therapeutische Betreuung erhalten – beispielsweise im Rahmen ihrer wöchentlichen Besuche bei den Studienärzten. Dies ist wenig realitätsnah, schließlich haben die meisten Zigarettenraucher, die auf eigene Faust einen Rauchstopp mit E-Zigaretten versuchen, eine solche Unterstützung nicht. Zweitens wurde den E-Zigaretten-Nutzern ein Liquid mit einer vergleichsweise hohen Nikotinkonzentration zur Verfügung gestellt. Uns berichten viele E-Zigaretten-Raucher, dass sie in der Regel deutlich geringer dosierte Liquide verwenden. Auch hier stellt sich also die Frage, wie realitätsnah das vorgegebene Studiendesign war. Drittens basieren einige zentrale Aussagen auf äußerst geringen Fallzahlen: Teilweise werden Prozentangaben aus vier (!) Einzelfällen abgeleitet. Auch dieser Umstand beeinträchtigt die Verallgemeinerbarkeit des Studiendesigns.“

Jamie Hartmann-Boyce, Senior Researcher in Health Behaviours der Universität Oxford:

„This is a large, well-conducted, and much needed study, in which people given electronic cigarettes were more likely to successfully quit smoking than those given nicotine replacement (e.g. gum or patches). It adds to a growing body of evidence that electronic cigarettes with nicotine can help people quit smoking. At one year, approximately 80 percent of people who were given an electronic cigarette were still using it. More research is needed on the effects of long-term electronic cigarette use, but experts agree electronic cigarettes are considerably less harmful than smoking, so switching from smoking to vaping is likely to bring substantial health gains.“

 

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