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DAK-Pressekonferenz. Foto: D. Jazbinsek

Gastbeitrag zum Gesundheitsreport 2019: Neue Daten, altes Dogma

17. April 2019By JJS

Ein Gastbeitrag von Dietmar Jazbinsek, freier Wissenschaftsjournalist und Experte für Präventionspolitik




„Wer nie geraucht hat, dampft nicht“ – das ist einer der Kernsätze im Gesundheitsreport 2019, den die DAK am Dienstag in Berlin vorgestellt hat. Für das diesjährige Schwerpunktthema „Alte und neue Süchte im Betrieb“ hatte die Krankenkasse unter anderem eine Online-Befragung von 5.600 Beschäftigten im Alter von 18 bis 65 Jahren in Auftrag gegeben. Dabei kam heraus, dass von den befragten Nierauchern aktuell lediglich 0,4 Prozent E-Zigaretten konsumieren.

Insgesamt gesehen greift derzeit jeder 20. Erwerbstätige regelmäßig zur E-Zigarette. Bemerkenswert ist, dass sich diese Quote in den einzelnen Altersgruppen nur wenig unterscheidet. Mit anderen Worten: Unter den Beschäftigten über 60 gibt es fast genauso viele Dampfer wie unter den jungen Erwachsenen. Wobei der Begriff „Dampfer“ hier nur unter dem Vorbehalt zutrifft, dass mehr als die Hälfte der befragten E-Zigaretten-Konsumenten nebenher weiter rauchen.

Mit 56 Prozent liegt der Anteil der „Dual User“ zwar noch unter dem Wert vergleichbarer Studien – bei der Düsseldorfer DEBRA-Studie  zum Beispiel beträgt er satte 75 Prozent. Der Parallelkonsum von Zigaretten und E-Zigaretten ist aber auch der neuen Studie nach viel zu hoch, wenn man davon ausgeht, dass er im Vergleich zum herkömmlichen Tabakkonsum kaum gesundheitliche Vorteile mit sich bringt. Immerhin gaben sieben von zehn befragten Dual Usern an, das Rauchen (auch) aus gesundheitlichen Gründen reduzieren zu wollen.

An einem Punkt geht der Krankenkassen-Report weiter als die bislang in Deutschland durchgeführten Erhebungen: Um den Grad der Substanzabhängigkeit zu bestimmen, wurde den Nikotinkonsumenten der Fragenkatalog des Penn State Dependence Index vorgelegt. Bei den Antworten zeigte sich ein markanter Unterschied zwischen Rauchern und Dampfern. Von den E-Zigaretten-Konsumenten wurden 56 Prozent als „nicht abhängig“ und nur 0,2 Prozent als „stark abhängig“ klassifiziert. Bei den Rauchern dagegen ist die Gruppe der stark Abhängigen (17 Prozent) fast genauso groß wie die Gruppe der nicht Abhängigen (19 Prozent).

Die stärkere Nikotinabhängigkeit dürfte ein Grund dafür sein, warum viele Raucher nach einem erfolglosen Versuch des Umstiegs wieder zur Zigarette zurückgekehrt sind. Bei der DAK-Umfrage traf dies auf 17 Prozent der aktuellen Raucher zu. Doch es hat auch eine nennenswerte Zahl von erfolgreichen Versuchen gegeben, ganz auf das Nikotin zu verzichten. Wenn man die Verlaufsmuster miteinander vergleicht, kommt man zu folgender Faustformel (siehe Abb. 70): Auf jeden Nieraucher, der mit der E-Zigarette in den Nikotinkonsum eingestiegen ist, kommen zehn Ex-Raucher, die dank der E-Zigarette aus dem Nikotinkonsum ausgestiegen sind, also erst mit dem Rauchen und dann mit dem Dampfen aufgehört haben.

„Die E-Zigarette ist eine Ausstiegsdroge“ – so hätte den Daten nach die Schlagzeile für die Pressekonferenz lauten können, auf der die Umfrage-Ergebnisse vorgestellt wurden. Doch Andreas Storm, der Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse, verkündete den Journalisten im Beisein der Drogenbeauftragten Marlene Mortler eine ganz andere Botschaft: „Dampfen mit Nikotin und Tabak führt in die Abhängigkeit, genau wie bei herkömmlichen Zigaretten. Deshalb fordert die DAK-Gesundheit ein umfassendes Werbeverbot für Tabak, Zigaretten und für E-Zigaretten.“

Zum besseren Verständnis: Der Tabakerhitzer Iqos wird in dem Gesundheitsreport als „Tabakverdampfer“ bezeichnet und als E-Zigarette eingestuft, darum spricht Storm vom „Dampfen mit Nikotin und Tabak“. Davon abgesehen war die Pressekonferenz äußerst aufschlussreich: Obwohl der eigene Gesundheitsreport für das Gegenteil spricht, deklarierte der Krankenkassen-Chef die E-Zigarette zum „gesundheitsgefährdenden Suchtmittel“. Auf die Nachfrage, ob es denn Anhaltspunkte dafür gibt, wie viele Versicherte der DAK an den Folgen des Dampfens erkrankt sind, antwortete Hans-Dieter Nolting vom IGES Institut. Darüber könne man anhand der vorliegenden Daten keine Aussagen treffen, so Nolting.




Noltings Auftraggeber Storm stellte noch einmal ausdrücklich klar, dass er es nicht als Aufgabe seiner Krankenkasse ansieht, Raucher zum Umstieg auf die E-Zigarette zu motivieren. Er begründete dies mit den Gefahren des Dampfens für die Jugend, die im sogenannten Präventionsradar der DAK bereits detailliert dokumentiert worden seien. In der Pressemappe findet sich ein Hinweis auf ein aktuelles Ergebnis dieser Studienreihe: „Werbung von E-Zigaretten verführt Jugendliche zum Rauchen“.

Die dazugehörige Umfrage ist vom Kieler Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT Nord) durchgeführt und im November 2018 publiziert worden.An der Umfrage teilgenommen hatten rund 7.000 Schüler aus sechs Bundesländern. Sie wurden danach befragt, wie häufig sie E-Zigaretten-Werbung gesehen und wie oft sie E-Zigaretten (oder Zigaretten) konsumiert haben. Nicht erfasst wurde die zeitliche Reihenfolge dieser Vorkommnisse.

Aus dem (schwachen) statistischen Zusammenhang zwischen dem Werbekonsum und dem Nikotinkonsum lassen sich deshalb keine Kausalaussagen ableiten. Eine mögliche Erklärung lautet: Wer schon mal gedampft hat oder jemanden kennt, der dampft, achtet eher auf E-Zigaretten-Reklame als jemand, auf den dies nicht zutrifft. Dass die Werbung für E-Zigaretten Jugendliche zum Rauchen verführt, wie die DAK behauptet, ist dagegen wenig plausibel. Denn in Deutschland ist der Anteil der Jugendlichen, die häufig oder sogar täglich zur E-Zigarette greifen, allen aktuellen Umfragen zufolge verschwindend gering, obwohl seit Jahren auf Plakaten für E-Zigaretten geworben wird. Und die Zahl der jugendlichen Raucher sinkt von einem Rekordtief zum nächsten.

Fazit: Die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands verwendet die Beiträge ihrer Versicherten unter anderem dazu, Negativmeldungen über die E-Zigarette zu verbreiten, die von den eigenen Daten nicht gedeckt werden. Das ist vielleicht die wichtigste Nachricht für die rund 250.000 E-Zigaretten-Konsumenten, die bei der DAK versichert sind.

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„Wer nie geraucht hat, dampft nicht“ – das ist einer der Kernsätze im Gesundheitsreport 2019, den die DAK am Dienstag in Berlin vorgestellt hat. Für das diesjährige Schwerpunktthema „Alte und neue Süchte im Betrieb“ hatte die Krankenkasse unter anderem eine Online-Befragung von 5.600 Beschäftigten im Alter von 18 bis 65 Jahren in Auftrag gegeben. Dabei kam heraus, dass von den befragten Nierauchern aktuell lediglich 0,4 Prozent E-Zigaretten konsumieren.

Insgesamt gesehen greift derzeit jeder 20. Erwerbstätige regelmäßig zur E-Zigarette. Bemerkenswert ist, dass sich diese Quote in den einzelnen Altersgruppen nur wenig unterscheidet. Mit anderen Worten: Unter den Beschäftigten über 60 gibt es fast genauso viele Dampfer wie unter den jungen Erwachsenen. Wobei der Begriff „Dampfer“ hier nur unter dem Vorbehalt zutrifft, dass mehr als die Hälfte der befragten E-Zigaretten-Konsumenten nebenher weiter rauchen.

Mit 56 Prozent liegt der Anteil der „Dual User“ zwar noch unter dem Wert vergleichbarer Studien – bei der Düsseldorfer DEBRA-Studie  zum Beispiel beträgt er satte 75 Prozent. Der Parallelkonsum von Zigaretten und E-Zigaretten ist aber auch der neuen Studie nach viel zu hoch, wenn man davon ausgeht, dass er im Vergleich zum herkömmlichen Tabakkonsum kaum gesundheitliche Vorteile mit sich bringt. Immerhin gaben sieben von zehn befragten Dual Usern an, das Rauchen (auch) aus gesundheitlichen Gründen reduzieren zu wollen.

An einem Punkt geht der Krankenkassen-Report weiter als die bislang in Deutschland durchgeführten Erhebungen: Um den Grad der Substanzabhängigkeit zu bestimmen, wurde den Nikotinkonsumenten der Fragenkatalog des Penn State Dependence Index vorgelegt. Bei den Antworten zeigte sich ein markanter Unterschied zwischen Rauchern und Dampfern. Von den E-Zigaretten-Konsumenten wurden 56 Prozent als „nicht abhängig“ und nur 0,2 Prozent als „stark abhängig“ klassifiziert. Bei den Rauchern dagegen ist die Gruppe der stark Abhängigen (17 Prozent) fast genauso groß wie die Gruppe der nicht Abhängigen (19 Prozent).

Die stärkere Nikotinabhängigkeit dürfte ein Grund dafür sein, warum viele Raucher nach einem erfolglosen Versuch des Umstiegs wieder zur Zigarette zurückgekehrt sind. Bei der DAK-Umfrage traf dies auf 17 Prozent der aktuellen Raucher zu. Doch es hat auch eine nennenswerte Zahl von erfolgreichen Versuchen gegeben, ganz auf das Nikotin zu verzichten. Wenn man die Verlaufsmuster miteinander vergleicht, kommt man zu folgender Faustformel (siehe Abb. 70): Auf jeden Nieraucher, der mit der E-Zigarette in den Nikotinkonsum eingestiegen ist, kommen zehn Ex-Raucher, die dank der E-Zigarette aus dem Nikotinkonsum ausgestiegen sind, also erst mit dem Rauchen und dann mit dem Dampfen aufgehört haben.

„Die E-Zigarette ist eine Ausstiegsdroge“ – so hätte den Daten nach die Schlagzeile für die Pressekonferenz lauten können, auf der die Umfrage-Ergebnisse vorgestellt wurden. Doch Andreas Storm, der Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse, verkündete den Journalisten im Beisein der Drogenbeauftragten Marlene Mortler eine ganz andere Botschaft: „Dampfen mit Nikotin und Tabak führt in die Abhängigkeit, genau wie bei herkömmlichen Zigaretten. Deshalb fordert die DAK-Gesundheit ein umfassendes Werbeverbot für Tabak, Zigaretten und für E-Zigaretten.“

Zum besseren Verständnis: Der Tabakerhitzer Iqos wird in dem Gesundheitsreport als „Tabakverdampfer“ bezeichnet und als E-Zigarette eingestuft, darum spricht Storm vom „Dampfen mit Nikotin und Tabak“. Davon abgesehen war die Pressekonferenz äußerst aufschlussreich: Obwohl der eigene Gesundheitsreport für das Gegenteil spricht, deklarierte der Krankenkassen-Chef die E-Zigarette zum „gesundheitsgefährdenden Suchtmittel“. Auf die Nachfrage, ob es denn Anhaltspunkte dafür gibt, wie viele Versicherte der DAK an den Folgen des Dampfens erkrankt sind, antwortete Hans-Dieter Nolting vom IGES Institut. Darüber könne man anhand der vorliegenden Daten keine Aussagen treffen, so Nolting.




Noltings Auftraggeber Storm stellte noch einmal ausdrücklich klar, dass er es nicht als Aufgabe seiner Krankenkasse ansieht, Raucher zum Umstieg auf die E-Zigarette zu motivieren. Er begründete dies mit den Gefahren des Dampfens für die Jugend, die im sogenannten Präventionsradar der DAK bereits detailliert dokumentiert worden seien. In der Pressemappe findet sich ein Hinweis auf ein aktuelles Ergebnis dieser Studienreihe: „Werbung von E-Zigaretten verführt Jugendliche zum Rauchen“.

Die dazugehörige Umfrage ist vom Kieler Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT Nord) durchgeführt und im November 2018 publiziert worden.An der Umfrage teilgenommen hatten rund 7.000 Schüler aus sechs Bundesländern. Sie wurden danach befragt, wie häufig sie E-Zigaretten-Werbung gesehen und wie oft sie E-Zigaretten (oder Zigaretten) konsumiert haben. Nicht erfasst wurde die zeitliche Reihenfolge dieser Vorkommnisse.

Aus dem (schwachen) statistischen Zusammenhang zwischen dem Werbekonsum und dem Nikotinkonsum lassen sich deshalb keine Kausalaussagen ableiten. Eine mögliche Erklärung lautet: Wer schon mal gedampft hat oder jemanden kennt, der dampft, achtet eher auf E-Zigaretten-Reklame als jemand, auf den dies nicht zutrifft. Dass die Werbung für E-Zigaretten Jugendliche zum Rauchen verführt, wie die DAK behauptet, ist dagegen wenig plausibel. Denn in Deutschland ist der Anteil der Jugendlichen, die häufig oder sogar täglich zur E-Zigarette greifen, allen aktuellen Umfragen zufolge verschwindend gering, obwohl seit Jahren auf Plakaten für E-Zigaretten geworben wird. Und die Zahl der jugendlichen Raucher sinkt von einem Rekordtief zum nächsten.

Fazit: Die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands verwendet die Beiträge ihrer Versicherten unter anderem dazu, Negativmeldungen über die E-Zigarette zu verbreiten, die von den eigenen Daten nicht gedeckt werden. Das ist vielleicht die wichtigste Nachricht für die rund 250.000 E-Zigaretten-Konsumenten, die bei der DAK versichert sind.

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