Gastbeitrag: US-Studie und Medien

Ein Gastbeitrag von Dietmar Jazbinsek, freier Wissenschaftsjournalist und Experte für Präventionspolitik. Bei eGarage analysiert er unter der Überschrift „Öffentlich-rechtliche Wissenschaftsmärchen – Besinnliches zum Jahresausklang“ die neue US-Studie und die mediale Berichterstattung dazu.




Am Ende eines Horrorjahres gab es dann doch noch eine gute Nachricht für alle Dampfer: „Ein konsequenter Umstieg von normalen Zigaretten auf E-Zigaretten kann das Risiko für Lungenkrankheiten senken.“ So fasst Stanton Glantz die neueste Auswertung (1) einer großangelegten Umfrageserie zusammen. Ende 2013 wurden 32.000 US-Amerikaner im Rahmen der PATH-Studie (Population Assessment of Tobacco and Health) gefragt, ob bei ihnen schon einmal eine Lungenkrankheit diagnostiziert worden ist. Dieselben Diagnosen – Asthma, chronische Bronchitis, COPD und Lungenemphysem – wurden in zwei weiteren Befragungswellen noch einmal abgefragt. Dabei stellte sich heraus, dass innerhalb von drei Jahren über 1.000 neue Fälle hinzugekommen waren. Glantz und sein Koautor Dharma N. Bhatta haben nun überprüft, ob ein statistischer Zusammenhang zwischen den Neuerkrankungen und dem Rauchverhalten der Befragten besteht. Das Ergebnis war wenig überraschend: Bei den Rauchern war die Erkrankungsrate sehr viel höher. Im Vergleich zu den Nichtrauchern war sie um 160% erhöht, im Vergleich zu den E-Zigaretten-Nutzern um 110%. Da die meisten Dampfer vorher geraucht haben, hat ihnen der Umstieg auf die E-Zigarette also schon in relativ kurzer Zeit einen mit Zahlen belegbaren Vorteil gebracht. So weit, so gut.

Weil aber Stanton Glantz zu den weltweit bekanntesten Kritikern der E-Zigarette gehört, hat der Kardiologie-Professor aus San Francisco den Daten einen anderen Dreh gegeben, nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. In seinen Verlautbarungen gegenüber der Presse ist von dem gesundheitlichen Vorteil der Dampfer gegenüber den Rauchern keine Rede. Stattdessen wird der deutlich geringere Unterschied zwischen den Dampfern und den Nichtrauchern betont. Der Gebrauch von E-Zigaretten sei ein vom Rauchen unabhängiger Risikofaktor für Atemwegserkrankungen, so Glantz und Bhatta. Das sei nun zum ersten Mal durch eine Langzeitstudie nachgewiesen worden.

Diese Behauptung ist blanker Unsinn: Chronisch obstruktive Lungenerkrankungen wie COPD oder Lungenemphyseme entwickeln sich nicht von einem Jahr zum anderen, sondern über einen Zeitraum von 10, 20 oder 30 Jahren. Eben deshalb sind Experten davon überzeugt, dass sich das tatsächliche Gefahrenpotential der E-Zigarette erst in Jahrzehnten endgültig abschätzen lässt. Warum liegt dann laut den PATH-Daten die Erkrankungsrate von Dampfern um 30 Prozent über der von Nichtrauchern? Ganz einfach: Eben weil fast alle Dampfer vor ihrem Umstieg auf die E-Zigarette lange Zeit geraucht haben. Plausibler als die Glantz‘sche Lesart ist deshalb die umgekehrte Kausalbeziehung: Nicht das Dampfen führt zu Lungenerkrankungen, sondern lungenkranke Raucher wechseln – mit oder ohne ärztliche Diagnose – wegen ihrer Beschwerden von der Zigarette zur E-Zigarette.

Wie haben nun die Medien über die US-Studie berichtet? Haben sie die positive oder die negative Lesart der Umfragedaten aufgegriffen? Eine Antwort gibt die Überschrift zu einem dpa-Artikel, der in Dutzenden von Regionalzeitungen abgedruckt wurde: „E-Zigaretten erhöhen das Risiko für Lungenkrankheiten“. Die kritiklose Übernahme der vermeintlich schlechten Nachricht ist auf der einen Seite verständlich: Journalisten gehen davon aus, dass Artikel, die das Peer Review-Verfahren einer Fachzeitschrift durchlaufen haben, keinen Unsinn enthalten. Und die Gutachter des American Journal of Preventive Medicine hatten an der waghalsigen Evidenzkonstruktion von Bhatta/ Glantz offenbar nichts auszusetzen.




Andererseits hätte jeder Journalist, der sich auch nur ansatzweise mit dem Thema auskennt, vorgewarnt sein müssen: Stanton Glantz hat nämlich eine ganze Reihe von Studien und Stellungnahmen zur E-Zigarette vorgelegt, die sich im Nachhinein als fragwürdig bis unsinnig erwiesen haben. So hat er im Juni gemeinsam mit Bhatta schon einmal eine Auswertung (2) der PATH-Daten vorgelegt. Damals behaupteten die beiden, sie könnten statistisch nachweisen, dass E-Zigaretten-Konsum mit einem erhöhten Herzinfarkt-Risiko einhergeht. Ihr „Beweis“ stützte sich auf Aussagen von 38 der 32.000 Befragten. Es handelte sich um Fälle, in denen ein E-Zigaretten-Konsument einen Herzinfarkt erlitten hatte. Eine Überprüfung (3) der Rohdaten ergab, dass sich in der Mehrzahl dieser 38 Fälle der Herzinfarkt v o r dem Einstieg in den E-Zigaretten-Konsum ereignet hatte – und zwar im Schnitt zehn Jahre vorher. Die Fachzeitschrift, die den Nonsens abgedruckt hat, das Journal of the American Heart Association, weigert sich bis heute, den Bhatta/Glantz-Artikel zurückzuziehen.

Ein halbes Jahr später – auf dem Höhepunkt der von Straßendrogen verursachten Lungenseuche in den USA – behauptete Glantz unter Berufung auf eine obskure Mäusestudie, die Todesfälle könnten auf Propylenglykol (4) zurückzuführen sein. Da diese Trägersubstanz in fast allen E-Liquids enthalten ist, hätte es bis zu diesem Zeitpunkt nicht Dutzende, sondern Hunderttausende von „E-Zigaretten-Toten“ geben müssen.

Trotz ihrer offenkundigen Unstimmigkeiten lösen die Expertisen der 73-jährigen Tabakkontroll-Koryphäe weltweit ein enormes Presseecho aus. Kein Wunder also, dass (nicht nur) die Zahl der US-Amerikaner steigt, die E-Zigaretten für mindestens so gefährlich halten wie Tabakzigaretten. Wenn das Dampfen angeblich keinen oder kaum einen gesundheitlichen Vorteil hat, muss man sich auch nicht darüber wundern, dass viele Dampfer nebenher weiterrauchen. Dieser „dual use“ aber geht – so die neue Studie von Bhatta/Glantz – mit einem besonders hohen Erkrankungsrisiko einher.

Auch die deutschen Medien haben die Fake Science aus Kalifornien zu Fake News verarbeitet. Gegenstimmen kamen nur selten zu Wort, auf Zeit-Online zum Beispiel. Statt zu recherchieren verlegten sich manche Journalisten aufs Phantasieren. Auf dem Online-Portal Medscape (5) war zu lesen, Glantz und Bhatta höchstpersönlich hätten die Teilnehmer an der PATH-Studie „befragt und untersucht“. Die Hamburger Morgenpost (6) überschrieb das dpa-Material mit der frei erfundenen Schlagzeile: „Studie beweist: E-Zigaretten sind so gefährlich wie Tabak.“ Dasselbe Märchen hat eine Nachrichtensendung verbreitet, die als Inbegriff seriöser Berichterstattung gilt: Die Tagesschau. „E-Zigaretten genauso gefährlich wie normales Tabakrauchen“ – war die erste Meldung am 17. Dezember übertitelt. Nach Kritik von fachkundiger Seite wurde die Überschrift (7) in „E-Zigaretten sorgen laut Studie für Lungenschäden“ abgeschwächt.




Was das Thema E-Zigarette betrifft, ist es nicht das erste Mal, dass das journalistische Flaggschiff der ARD in seichtem Gewässer auf Grund läuft. Im Februar kam in der Tagesschau der Kieler Psychologe Reiner Hanewinkel (8) mit der Behauptung zu Wort, die E-Zigaretten-Werbung würde auf den Tabakkonsum der Jugendlichen „ausstrahlen“. Tatsächlich ist der Tabakkonsum der 12- bis 17-Jährigen auf ein Rekordniveau gesunken, obwohl in Deutschland seit rund 10 Jahren für E-Zigaretten geworben wird. Um Hanewinkels Behauptung auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, hätte ein Blick in die Statistiken der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung genügt. Auf diese Idee ist in der Nachrichtenredaktion aber allem Anschein nach niemand gekommen.

Im November berichtete die Tagesschau unter der Überschrift (9) „Eher Einstiegs- als Ausstiegsdroge“ über eine E-Zigaretten-Studie der Uniklinik Mainz. Der Haken dabei: Die Überschrift hat mit den Forschungsergebnissen nichts zu tun, sondern gibt die Privatmeinung des Studienleiters Thomas Münzel wieder – in der Studie selbst wurden keine Zweibeiner befragt, sondern Mäuse bedampft. Von den zahlreichen Einwänden (10), die Fachleute in den Tagen darauf gegen den Mainzer Tierversuch vorbrachten, haben die Gebührenzahler bis heute nichts erfahren.

Es wäre falsch, die Desinformation der Öffentlichkeit durch die Tagesschau und andere Medien unter dem Schlagwort „Lügenpresse“ zu verbuchen. Denn wer lügt, der kennt zumindest selber die Wahrheit – auch wenn er sie aus ideologischen Gründen verschweigt. Doch das trifft auf die Berichterstattung über die E-Zigarette nicht zu. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die Redaktionen nicht dazu in der Lage sind, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterschieden. Leidtragende sind die zirka 15 Millionen Raucher in Deutschland, die vom Umstieg auf eine wesentlich weniger gefährliche Form des Nikotinkonsums abgehalten werden. Je genauer man die einschlägigen Berichte unter die Lupe nimmt, umso mehr drängt sich eine schwindelerregende Frage auf: Wenn der Medienbetrieb schon von relativ simplen Sachverhalten wie den Risiken des E-Zigaretten-Konsums heillos überfordert ist, warum sollte das dann bei komplexeren Themen wie den Gefahren des Klimawandels anders ein?

1) https://www.ajpmonline.org/article/S0749-3797(19)30391-5/fulltext
2) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6645634/
3) https://tobaccoanalysis.blogspot.com/2019/07/claim-that-vaping-causes-heart-attacks.html
4) https://tobacco.ucsf.edu/pgvg-ecigs-tied-lung-damage-well-done-experiment
5) https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4908489
6) https://www.pressreader.com/germany/hamburger-morgenpost/20191218/282385516409662
7) https://meta.tagesschau.de/id/144364/e-zigaretten-genauso-gefaehrlich-wie-normales-tabakrauchen
8) https://www.tagesschau.de/inland/tabakwerbung-115.html
9) https://www.tagesschau.de/inland/e-zigaretten-125.html
10) https://www.sciencemediacentre.org/expert-reaction-to-study-looking-at-e-cigarette-vapour-and-vascular-effects-in-mice-and-smokers/

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