Gastbeitrag: SOS – die „Disposables“ kommen

Foto: Inge Eberhardt

Dieser Gastbeitrag stammt von einem Dampfer, der die Branche und Community seit Jahren privat und engagiert genau beobachtet. Aus beruflichen Gründen möchte er anonym bleiben. Der Name ist eGarage bekannt.




Neue Zeiten brechen an. Bundeskanzler Olaf Scholz wurde vereidigt und es ist ihm gelungen, eine Klimaregierung auf den Weg zu bringen. Diese möchte jedes neue Gesetz einem Klima-Check unterziehen.

Als E-Zigaretten Konsument, dem es auf eigene Kosten gelungen ist, der Tabakzigarette nach über 20 Jahren zu entkommen, sehe ich einen riesigen Berg an Sondermüll auf Deutschland zukommen. Die Frage der Entsorgung und Lagerung von Sondermüll ist bis heute und wird eine der größten Herausforderung der Nachfolgegenerationen sein. Der Name dieses sehr schnell vermeidbaren Sondermülls sind Einweg-E-Zigaretten oder Disposable Pods.

Diese Produkte werden kurz als „disposables“ bezeichnet und aktuell mit viel Nachdruck und einem gigantischen Marketing in den deutschen Markt eingeführt. Der Hashtag #disposablepod erzielt im Sozialen Netzwerk Instagram bereits zu Beginn dieser Marktentwicklung 51.000 Treffer. Tiktok, ein anderes Medium, dessen Zielgruppe gemeinhin bekannt noch jünger ist, wirft atemberaubende Resultate aus. Es sind 800 Millionen Treffer unter dem Schlagwort „disposablepod“ zu erzielen. Wenn man sich dort ansieht, was es mit den Disposable Pods auf sich hat, ist man in nach den kurzen Videos der jungen Influencer sofort im Bilde.




Bunte Umverpackungen wie Bonbons
Bei den Einweg E-Zigaretten handelt es sich um kleine E-Zigaretten, die sehr bedienerfreundlich sind. Ihre Bedienung sind praktisch „kinderleicht“ zu verstehen: Man packt sie aus einer meist bunten Umverpackung aus, hat oft eine weitere unnütze bunte Umverpackung aufzureißen, die an Bonbons erinnert und hält dann eine bunte Einweg E-Zigarette in der Hand.
Die Geschmäcker sind auch sehr bunt und vielfältig. Es gibt Cola, Lychee, Mango-Pfirsich, Erdbeere-Menthol, Energy-Drink und weitere „fancy“ Geschmackskombinationen. Was muss man genau tun, um sie in Betrieb zu nehmen? Nichts weiter außer dran ziehen. So einfach geht es tatsächlich. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit mit den gesundheitsschädlichen und umweltbelastenden Tabakzigaretten. Disposable Pods haben je nach Modell 400-1500 Züge. Und danach? Man schmeißt sie einfach weg, ohne großartig darüber nachzudenken wohin. Warum? Weil es eben Einweg ist und das gigantische Marketing der chinesischen Hersteller legt der jungen Zielgruppe nahe, sie sind diskret, weil sie klein sind.

Sie lassen sich gut auf Schultoiletten „bunkern“. Sie sind „lustig“, man kann damit kleine und größere Wölckchen machen. Man kann sie mal eben für günstig mit auf die Party nehmen, in den Park zum „chillen“, im öffentlichen Bus sehr diskret, weil eigentlich verboten. Nach Gebrauch wirft man sie eben einfach weg – so wie die Filter-Verbrennungszigaretten. In diesen Disposables sind gerade mal ca. zwei Milliliter Liquid enthalten.
Was in diesen Imagevideos kaum thematisiert wird, ist, dass sie Nikotin bis zum europäischen Grenzwert von 20 Milligramm pro Milliliter enthalten. Es wird allerdings überwiegend Nikotinsalz in diese Liquids beigegeben. Nikotinsalz hat einen veränderten pH-Wert und die Nikotinaufnahme wird gegenüber gewöhnlichem Nikotin erleichtert. Man nimmt es bei der Inhalation praktisch nicht wahr. Gewöhnliches Nikotin hinterlässt eine zunehmende Schärfe und macht dem E-Zigaretten-Konsumenten eine individuelle Dosierung einfacher, während Nikotinsalz die Eigendosierung erschwert. Nikotin ist aber praktisch kein Thema in diesem Marketing. Es zielt unverkennbar auf eine junge Generation unter 25 Jahren ab. Die Geschmäcker werden eher wie Energy Drinks präsentiert.




Jugendschutz ist nicht immer sicher
Der geringe Einstiegspreis, der unter einer Schachtel Tabakzigaretten liegt, vervollständigt den Eindruck, es soll dem Taschengeld, Azubigehalt und dem Einstiegsgehalt eines Young Professionals nicht weh tun. Hier werden die Befürworter dieser Einweg-Systeme sofort dagegenhalten und sagen, der Umstieg des Rauchers muss ja möglichst einfach und preisgünstig sein wie der Einstieg ins Rauchen der Verbrennungszigaretten. Außerdem gäbe es ein Jugendschutz-Gesetz und die Produkte würden ja nur an Volljährige verkauft werden können.

Es ist zwar richtig, dass Dampfen im Jugendschutzgesetz verankert und im Onlineversandhandel leicht zu prüfen ist. Doch diese Einwegsysteme werden aktuell überwiegend über den stationären Handel in den Verkehr gebracht. Hier fehlt es oftmals an Selbstkontrolle oder Kontrollkapazitäten, von staatlicher Aufsicht kann kaum die Rede sein. Jugendschutz ist im stationären Handel ein zahnloser Tiger.

Ein weiteres, nicht öffentlich ausgesprochenes Argument seitens der Hersteller und Händler dürfte sein: Wir sind eine junge Branche und brauchen nach Fake-News, EVALI und Lockdowns dringend das Geld. Hier möchte ich als E-Zigaretten-Konsument einwerfen: Es gibt genauso einfache Systeme, die nachhaltiger sind und unseren Planeten nicht so auf Jahrzehnte „zumüllen“. Welchen Beitrag kann und will die E-Zigarettenbranche hierfür in innovativer Hinsicht leisten und welche Verantwortung ist ihr denn für die Zukunft zuzumuten?

Diese Einweg E-Zigaretten enthalten allesamt intern verbaute Batterien, die praktisch nach einem Tag oder maximal zwei Tagen in die Ecke geschmissen werden oder im bestenfalls im Hausmüll landen. Dort gehören sie aber nicht hin, weil es Sondermüll ist. Doch wer, der sich eine Getränkedose kaufte, Papp-Geschirr und Strohhalme oder Plastiktüten in den großen Supermarktketten mitgenommen hat, hat sich jemals eingehend mit den Müllbergen und deren Entsorgung befasst? Wer aus der Zielgruppe der Einweg-Pods wird ernsthaft regelmäßig zum Wertstoffhof fahren?

Wer der jetzt in Verkehr bringenden Hersteller und Händler ist verpflichtet und in Zukunft gewillt, diesen Sondermüll wieder zurückzunehmen und fachgerecht mit Zusatzkosten zu entsorgen? Wer Verantwortung für diesen Sondermüll spürbar übernehmen muss, der wird plötzlich kein lohnendes Geschäft mehr in den Disposable Pods sehen.




Dem Handel sei zugerufen: Weniger ist mehr
Ich bin nicht nur E-Zigaretten-Konsument, sondern auch Vater und erkenne selbstverständlich die Probleme, die diese Einweg Pods mit sich bringen. Das Letzte was ich mir wünsche ist, dass trotz aller Aufklärung auch ich mein Kind in der pubertierenden Phase nicht überzeugen kann und es mit so einem Pod über Gleichaltrige auf dem Schulhof eingefangen wird. Als Vater gebe ich mir Mühe meinem Kind ein bewusstes und nachhaltiges Leben zu ermöglichen. Vor allem möchte ich meinem Kind eine Welt hinterlassen, die solche unbestritten vermeidbaren Folgen für den Planeten einfach heute schon nicht möglich macht.
Die neue Klimaregierung hat versprochen, jedes Gesetz einem Klima-Check zu unterziehen. Innovation soll sich an Klimaneutralität messen und die Kinderrechte sind wie die Koalitionsvereinbarungen zeigen auch von Bedeutung. Einweg E-Zigaretten werden eine der vielen Themen sein, bei denen ich als Bundesbürger genauer hinsehen werde, ob man den Zielen des Klima-Checks gerecht wird.
Aber auch wir Konsumenten haben eine Verantwortung und sollten uns mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln auf dem Markt bewegen. Konsumentenverbände wie zum Beispiel der BVRA sollten sich hier rechtzeitig positionieren und nicht blauäugig das Jugendschutz-Thema außen vor lassen. Einwegpods sind neben einer umwerfenden Mülllagerungsproblematik auch an dem gigantischen Marketing erkennbar ein Jugendschutz-Thema. Es ist an uns Dampfern, auch unangenehme Themen anzusprechen und sie klar zu benennen. Nur wer diese nicht ausblendet, wird sich seine Glaubwürdigkeit und Authentizität bewahren können.
Den Großhändlern und Fachhändlern, die diese Produkte in Deutschland einführen, rufe ich zu: Weniger ist mehr.