„Es gibt keinen Wilden Westen“

Seit dreieinhalb Jahren gibt es das Bündnis für Tabakfreien Genuss, kurz BfTG. Der Verband vertritt die kleinen und mittelständischen Unternehmen der Branche – und vor allem die Händler. Die Besonderheit: Mitglieder aus der Tabakindustrie akzeptiert der Zusammenschluss nicht.




Mit dem Vorsitzenden des BfTG, Dustin Dahlmann, hat eGarage nun ein ausführliches Interview geführt und auch darüber gesprochen, ob es beim Tabakindustrie-Verzicht des BfTG bleibt. Auch über die Marktentwicklung und eine ganze Reihe von Regulierungsfragen, von Werbeverboten bis „Shake and Vape“, gibt Dahlmann Auskunft.

eGarage: Herr Dahlmann, boomt die E-Zigarette noch wie vor einigen Jahren?

Dustin Dahlmann: Wie jedes Jahr wird das BfTG im Sommer die Branche wieder befragen und eine Prognose zur Marktentwicklung abgeben. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Schätzung eintrifft und der Markt von 400 Millionen Euro 2018 auf 500 Millionen in diesem Jahr expandiert. Alle Zeichen stehen auf weiteres Wachstum sowohl mittel- als auch langfristig. Auch die Zahl der derzeit etwa zwei Millionen deutschen Dampfer wird sich deutlich erhöhen.

Wo kommen denn all die neuen Nutzer von E-Zigaretten her?

Lange war es ja eher ein Trend, eine Bewegung, die über Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte. Ein eher kleiner Kreis an Aufgeschlossenen, die gerne etwas Neues ausprobiert haben. Das ändert sich schon jetzt: Einfach zu bedienende Produkte sind wieder auf dem Vormarsch, auch bei unseren Mitgliedern. Und es wird unvermeidlich sein, dass große Konzerne, vor allem aus dem Tabakbereich, noch stärker einsteigen werden. Klar ist aber auch: Die Fachhändler und Pioniere haben nach wie vor die größte Erfolgsquote beim Wechsel von Tabak auf die E-Zigarette. Sie sind bei Kunden beliebt und werden weiter erfolgreich sein.

Apropos einfach zu bedienen: Die kleine, aber starke US-E-Zigarette Juul ist in den USA enorm erfolgreich – auch bei Jugendlichen, jungen Erwachsenen und bei Nichtrauchern – und hat die Debatte befeuert, dass die E-Zigarette zu einem eigenständigen Suchtproblem werden könnte.

In Deutschland und in Europa kann das nicht passieren.  Im Gegensatz zu den USA gibt es in Deutschland einen funktionierenden Jugendschutz. Es ist verboten, E-Zigaretten an Minderjährige zu verkaufen – das gilt sowohl für den stationären- als auch für den Online-Handel.  Von einer akuten Gefährdung Jugendlicher in Deutschland kann also keine Rede sein. Unser Eindruck ist, dass Juul sich der Verantwortung sehr bewusst ist und seit dem Start in Deutschland viele Maßnahmen zu einer glaubwürdigen Umsetzung des Jugendschutzes ergriffen hat.

Wie hat sich die Debatte um die E-Zigarette aus Ihrer Sicht in Deutschland entwickelt?

Zum Glück in die richtige Richtung. Weite Teile der Politik kennen die gesundheitlichen Chancen, die mit der E-Zigarette verbunden sind. Leider gilt dies aber noch nicht für die rauchende Bevölkerung. Vielen ist immer noch nicht klar, dass die E-Zigarette um 95 Prozent weniger schädlich ist. Hier wäre eine staatliche Aufklärung auf Grundlage der Harm Reduction-Fakten, also der Risikominimierung, dringend erforderlich.

Ein immer wiederkehrendes Thema, das längst wissenschaftlich widerlegt wurde, ist die Gateway-Hypothese. Dieser Punkt sollte von der politischen Agenda gestrichen werden, weil sie nicht den Tatsachen entspricht. Fakt ist: E-Zigaretten sprechen Raucher an und Dampfer sind zu 98 Prozent EX-Raucher, die eine Alternative zum Tabak gefunden haben.

Und: Eine Vielzahl der aufhörwilligen Raucher schaffen den Tabakstopp erst seit dem Aufkommen der E-Zigarette. Nach neuen Untersuchungen sind E-Zigaretten beim Tabakstopp doppelt so erfolgreich wie klassische Methoden mit Unterstützung durch Apothekenprodukte. Dies zeigt das große Potential, das Harm Reduction-Produkte wie die E-Zigarette besitzen. Und deshalb sollte die Gesundheitspolitik diese Fakten weiteren Teilen der rauchenden Bevölkerung und ihren Angehörigen bekannt machen.

Merkt die Branche an den Verkaufszahlen, dass die Diskussion nicht mehr so negativ ist?

Die Skepsis ist zurückgegangen, das merken wir. Es ist inzwischen einfacher, Raucher von den Vorteilen zu überzeugen. Jetzt ist die richtige Zeit, die Produkte und das Thema Harm Reduction breiter bekannt zu machen und noch deutlich mehr Raucher zu erreichen.

Wer könnte dabei helfen?

Wichtig ist, dass unabhängige Absender wissenschaftlich über die E-Zigarette sprechen. In England wurde mit der E-Zigarette die Raucherquote signifikant gesenkt. Ausschlaggebend dafür war die Kommunikation der Gesundheitsbehörden, insbesondere von Public Health England. So haben viele Raucher davon erfahren, dass es sich bei der E-Zigarette um ein wesentlich weniger schädliches Produkt handelt und sind umgestiegen.

Auch Rückschritte sind möglich. Das Parlament in Berlin diskutiert gerade über ein fast komplettes Werbeverbot für Tabak. Die E-Zigarette könnte davon ebenfalls betroffen sein. Man kann ja auch der Meinung sein, dass Suchtmittel generell nicht beworben werden dürfen. Wie sehen Sie das?

Ein Werbeverbot friert die Marktgegebenheiten ein. Immer noch sind bloß maximal zehn Prozent der Nikotinkonsumenten Dampfer. Ein Werbeverbot würde verhindern, dass Raucher umfassend informiert werden und somit keine Chance bekommen, auf die E-Zigarette umsteigen. Das kann kein Politiker wollen.

Wäre ein Werbeverbot kriegsentscheidend?

Nein, kriegsentscheidend ist es nicht. Ich bin überzeugt davon, dass sich die E-Zigarette mit und auch ohne Werbeverbot langfristig durchsetzt. Allerdings würde ein Werbeverbot diesen Prozess enorm verlangsamen.

Was ist mit den Regeln für Shake and Vape? Im Moment herrscht wieder Wilder Westen in der Branche: Liquidmischungen ohne Nikotin, die dann mit Nikotin-Shots gemischt werden, erobern den Markt. Inhaltsstoffe und Marketing sind nicht oder kaum reguliert. Erwarten Sie, dass die Politik einschreitet?

Meiner Meinung nach gibt es keinen wilden Westen. Auch die Hersteller von Shake-and-Vape-Produkten handeln verantwortungsvoll. Natürlich kann man die Liste der verbotenen Inhaltsstoffe auch für nikotinfreie Produkte ausweiten. Ich bin überzeugt davon, dass sich die Shake-and-Vape-Hersteller ohnehin bereits daran halten.

Stichwort politische Rahmenbedingungen: Eine Steuer auf E-Zigaretten-Liquids ist langfristig vermutlich nicht zu vermeiden, oder?

Steuern sollen auch eine Lenkungsfunktion haben. Viele Raucher wechseln aus Kostengründen zur E-Zigarette. Der gesundheitliche Aspekt ist oft nur zweitrangig. Das weniger schädliche Produkt sollte auch kostengünstiger sein. Deshalb sind wir der Meinung, dass eine Steuer viel zu früh platziert wäre und ein falsches Signal setzen würde.

Für großen Verdruss sorgen in der Branche die europäischen Vorschriften, dass Produkte sechs Monate vorher angemeldet werden müssen, bevor sie verkauft werden dürfen. Neulich hat uns ein kleinerer Händler im Interview allerdings gesagt, dass das auch Vorteile mit sich bringt, weil nicht jeder Hype sofort in Deutschland ankommt. Wie sehen Sie das?

Keines unserer Mitglieder – und auch ich nicht – kann in dieser Regelung irgendeinen Vorteil erkennen. Die Sechs-Monats-Frist dient dazu, dass Behörden die Produkte in dieser Frist kontrollieren können, um einen Verkauf zu verhindern. Unser Erkenntnis nach ist nicht ein einziger Fall bekannt, in dem das passiert ist. Stattdessen wird die Einhaltung der Frist regelmäßig umgangen, indem entweder Händler aus anderen EU-Staaten die Ware anbieten – das ist möglich aufgrund anderer TPD2 Umsetzungen – oder diese aus Drittstaaten von Verbrauchern importiert werden. Das schadet den deutschen Händlern immens und muss schnellstmöglich gestoppt werden!

Sie können doch einfach konsequent abmahnen, wenn Sie Verstöße feststellen?

Verbandsmitglieder, insbesondere InnoCigs, haben das auch umfangreich gemacht. Sehr viele französische, englische, und skandinavische Großhändler wurden gestoppt, weil sie zu neue Produkte in Deutschland verkaufen. Händler aus China kann man rechtlich nicht belangen. Dort hat eine Abmahnung keine Rechtskraft. Auch für den Zoll ist es nicht möglich, eine Überprüfung vorzunehmen, ob ein bestimmtes Produkt gemeldet wurde und die Stillhaltefrist abgelaufen ist.

Und jetzt? Resignieren Sie?

Nein, natürlich nicht. Ich arbeite intensiv im BfTG und auch im neu gegründeten europäischen Verband der IEVA daran, die Sechs-Monats-Frist abzuschaffen oder zumindest für einige Produktgruppen zu entschärfen.

Sie lobbyieren inzwischen auch in Europa systematisch?

Die Europapolitik ist das wichtigste und entscheidende Spielfeld. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es uns als erster tabakunabhäniger Verband gelungen ist, eine europäische Interessenvertretung in Brüssel zu gründen. Die TPD3 wird bereits diskutiert und soll voraussichtlich ab 2020 entworfen werden. Bis dahin haben wir die Chance, möglichst viele Entscheider über unser Produkt zu informieren. Diese Chance werden wir nutzen.

Der BfTG stemmt die Brüsseler Vertretung also nicht alleine?

Diese große Aufgabe kann kein nationaler Verband alleine stemmen. Ein europäischer Schulterschluss ist unabdingbar. Wie gesagt sind wir glücklich, dass wir es geschafft haben. Es sind schon viele europäische Länder an Bord. Ich bin mir sicher, dass viele weitere folgen werden.

Der BfTG schließt die Mitgliedschaft von Tabakkonzernen explizit aus. Doch die mischen immer mehr mit im Markt. Halten Sie die puristische Linie durch?

Eine Debatte über diesen Punkt kommt für uns nicht infrage. Es bleibt dabei: Tabak-Unternehmen sind beim BfTG ausgeschlossen. Das hat die Mitgliederversammlung sogar einstimmig entschieden. Wir sind nicht der Feind der Tabakindustrie, aber es ist uns sehr wichtig, unsere eigenen Interessen zu vertreten. Unsere Ziele unterscheiden sich sehr oft von denen der Tabakindustrie. Für Big-Tobacco ist die E-Zigarette immer noch ein Nebengeschäft – für uns ist es das einzige Geschäft. Des Weiteren darf die E-Zigarette nicht mit der Tabakzigarette über einen Kamm geschoren werden. Es sind völlig unterschiedliche Produkte. Aus diesem Grund sollte die Interessenvertretung auch klar separiert sein.