E-Zigarette schädlich? Die versteckte Kehrtwende der deutschen Ärzte

Wir bereits berichtet widmet sich die Ärztezeitung in einem ausführlichen Artikel einem Dokument mit möglicherweise wichtigen Auswirkungen auf die Zukunft des Dampfens: Dem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) zur elektronischen Zigarette. Dabei handelt es sich, anders als der Titel suggeriert, nicht nur um die Meinung der Pneumogolen (Lungenärzte), sondern die fast der gesamten relevanten Ärzteschaft in Deutschland. Auch die Deutsche Krebsgesellschaft hat an dem Papier mitgewirkt, die Gesellschaft für Kardiologie, die Kinder- und Jugendärzte, die Gefäßchirurgen undsoweiter. Kurz: Der gute Name eines Großteils der deutschen Ärzteschaft steht hinter dem Papier. Und: Derartigen Positionspapieren geht ein langer, ausführlicher Diskussionsprozess voraus, weil sie eine herausragende öffentliche Wirkung haben, die Meinung der Ärzte beeinflussen und auch in gesundheitspolitische Entscheidungen hineinspielen.

Die Ärztezeitung fasst das Positionspapier mit „Finger weg von der E-Zigarette“ zusammen. Aber: Stimmt das überhaupt? Ist die Aussage so klar? Wir von egarage.de würden sogar behaupten: Im Gegenteil. Im Grunde ist die neue Position der Ärzte eine Abkehr von der extrem e-zigarettenfeindlichen Haltung der Vergangenheit. Das zeigt eine genaue Analyse der Forderungen und Feststellungen. Nehmen wir dazu die fünf zentralen Punkte des Papiers unter die Lupe:

1. Die freie und völlig unregulierte Verkäuflichkeit von (…) Nikotin in E-Zigaretten ist aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht nicht akzeptabel.

Hierbei handelt es sich um eine Selbstverständlichkeit. Auch der E-Zigaretten-Verband VdeH fordern eine Regulierung, zum Beispiel ein Verbot des Verkaufs an Jugendliche. Die Ärzte stellen damit keine weitreichende Forderung auf, sondern bestätigen nur den Konsens, den es bereits gibt.

2. Die großen Erfolge, Tabak- und Nikotinkonsum als etwas Unnormales, (…) Behandlungsbedürftiges zu sehen, werden durch die rasch fortschreitende Verbreitung von E-Zigaretten konterkariert. Es besteht die Gefahr, dass über eine zunehmende Aktzeptanz von E-Zigaretten in der Gesellschaft auch das konventionelle Zigarettenrauchen wieder stärker toleriert werden könnte.

Auffällig ist, dass eine Formulierung im deutlichen Konjunktiv gewählt wurde. Denn dass auch die „Pyro“, die normale Zigarette, durch die E-Zigarette wieder akzeptierter wird, ist schon intuitiv nicht zu erwarten. Wissenschaftlich gibt es darauf bisher unseres Wissens nach keinerlei Hinweise. Die Ärzte sichern sich mit diesem Statement also nur vorsichtig gegen eine Forschungslücke ab. Eine klare Aussage, dass die E-Zigarette zum Revival des Glimmstängels führt, ist es nicht.

3. Auch wenn die Inhalation von E-Zigaretten-Dampf nach heutigem toxikologischem Wissensstand harmloser (…) ist, sind Langzeiteffekte viel zu wenig bekannt, um hier aus medizinischer-wissenschaftlicher Sicht Entwarnung geben zu dürfen. Aktuelle Studien legen den Verdacht nahe, dass Nikotin auch kanzerogen wirksam sein kann.

Dieses Statement kann man mit Fug und Recht als Triumph der Fraktion Pro-E-Zigarette interpretieren. Die deutschen Ärzte bestätigen, dass das Dampfen im Vergleich zu herkömmlichen Zigaretten weniger gefährlich ist. Es wird auch nicht mehr, wie so oft in der Vergangenheit, behauptet, dass es keine ausreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über die unmittelbaren Folgen gebe – sondern nur in Hinsicht auf die langzeitige Wirkung erfolgt eine Einschränkung (das kann auch nicht anders sein, denn die E-Zigarette in ihrer heutigen Form gibt es erst seit 2001 und einen größeren Markt sogar erst seit wenigen Jahren).

4. Auch wenn zahlreiche Fallberichte, eine Querschnittsstudie und bislang zwei randomisierte kontrollierte Studien nahelegen, dass E-Zigaretten eine Raucherentwöhnung unterstützen können, ist die Evidenz einer solchen Aussage gering. (Weiter heißt es, multimodale Entwöhnungsprogramme seien empfehlenswerter).

Der nächste Hammer der deutschen Ärzteschaft: Prinzipiell wird also anerkannt, dass es deutliche Hinweise darauf gibt, dass die E-Zigarette Rauchern helfen kann, ihr gefährliches Laster zu überwinden und gegen ein deutlich ungefährlicheres einzutauschen. Der Hinweis auf andere Entwöhnungsmöglichkeiten, der dazu erfolgt, ist nicht unproblematisch: Vieles deutet darauf hin, dass dampfende Ex-Raucher ihr Laster ohne die E-Zigarette gar nicht hätten aufgeben wollen oder können. Diese Fälle sind nicht zu vergleichen mit Rauchern, die definitiv aufhören wollen und dafür sogar Hilfe beim Arzt suchen.

5. Durch Jugend-affine Geschmacksrichtungen unf auf diese Gruppe gerichtete Werbung wird eine Zielgruppe zu einem vermeintlich harmlosen Konsum stimuliert, wobei hiermit der Einstieg in das konventionelle Tabakrauchen möglicherweise gebahnt wird. Hierin siehen die DGP und alle an diesem Positionspapier beteiligten wissenschaftlichen Gesellschaften und Institutionen eine große Gefahr.

Nichts wirklich Neues: Der 5. Punkt vereint im Grunde Punkt 1 (unregulierter Verkauf ist schlecht) und Punkt 2 (E-Zigaretten könnten als Einstieg ins gewöhnliche Rauchen dienen). Auch hier lautet also die Antwort: Auf einen strengen Jugendschutz drängt die E-Zigaretten-Lobby bereits. Allerdings lässt sich das Problem, dass Jugendliche E-Zigarette dampfen, wohl nicht ganz bannen, auch nicht mit Verkaufs- und Werbeverboten. Auf diesen Punkt aufmerksam zu machen, ist ein legitimes Anliegen der Ärzte.

Soweit zu den einzelnen Kritikpunkten der deutschen Ärzte an der E-Zigarette. Vielleicht noch interessanter als das, was sie aufgelistet haben ist das, was sich nicht unter den Forderungen der Ärzte findet. Das Statement bleibt in der Kritik nämlich weit hinter vielen bisherigen Veröffentlichungen deutscher und internationaler Ärzte zum Thema E-Zigarette zurück.

Einige Beispiele:

1. Das Forum internationaler pneumologischer Fachgesellschaften (FIRS) hatte gefordert, dass E-Zigaretten als Medizinprodukte reguliert werden. Davon ist keine Rede in dem neuen Forderungskatalog.

2. E-Zigaretten sollten streng reguliert oder verboten werden, bis mehr Informationen über ihre Sicherheit verfügbar sind (ebenfalls FIRS). Das Wort „Verbot“ kommt in dem neuen Positionspapier dagegen nicht mehr als Forderung vor.

3. „Die Reduzierung des Tabakzigarettenkonsums mit Hilfe der E-Zigarette bringt nur geringe gesundheitliche Vorteile“ (Deutsches Krebsforschungszentrum). Dieses Statement ist wissenschaftlich nicht zu halten und steht im Widerspruch zu zahlreichen Studien. Folgerichtig findet sich auch diese Aussage nicht wieder in dem neuen Standpunkt der deutschen Ärzte.

Aus Sicht überzeugter Dampfer stellt das neue Positionspapier der deutschen Ärzte also einen enormen Fortschritt dar. Sicher, es werden Bedenken angemeldet. Das ist auch von Ärzten nicht anders zu erwarten, immerhin geht es um ein Suchtmittel, dass zudem nicht zu 100 Prozent risikofrei ist. Allerdings erkennen die deutschen Ärzte nun direkt oder zumindest indirekt (durch das Weglassen unhaltbarer Behauptungen und Verteufelungen) an, dass die E-Zigarette hinsichtlich ihrer Gesundheitsgefahren überhaupt nicht vergleichbar ist mit dem gewöhnlichen Tabakrauchen. Das ist eine Neuausrichtung in der öffentlichen Darstellung der E-Zigarette, deren Auswirkung nur schwer zu überschätzen ist. Politiker, die nach drastischer Regulierung und Besteuerung der E-Zigarette rufen, werden sich nun nicht mehr auf ein klar negatives Votum der deutschen Ärzte berufen können. Damit fehlt ihnen eine sehr wichtige Argumentationsgrundlage.

„Finger weg von der E-Zigarette“ ist also eine denkbar unpassende Zusammenfassung des Positionspapiers. Vielmehr müsste man schreiben: Deutsche Ärzte geben (endlich) teilweise Entwarnung bei der E-Zigarette.

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