Die E-Zigarette und das Nikotinrätsel – warum Jugendliche nur selten „mit“ Dampfen

Wir alle haben es gelernt: Der Raucher raucht, weil er süchtig nach Nikotin ist. Und weil es haptisch ganz nett ist, dazu noch eine schlechte „Angewohnheit“, vielleicht auch ein wenig „Genuss“, wie uns die Tabakindustrie eingebläut hat. Dafür nimmt der „Nikotinsüchtige“ angeblich all die negativen Aspekte in Kauf: Den Teer, den Gestank, die schwindende Fitness, die kürzere Lebenserwartung, die sozialen Anfeindungen. Wäre Nikotin tatsächlich ein schwer süchtig machender Stoff und für viele kaum willentlich und rational kontrollierbar, dann hätten die E-Zigaretten-Kritiker einen Punkt. Dann muss es so kommen, dass die E-Zigarette und insbesondere nikotinhaltige Liquids eine neue Suchtwelle auslösen. Schließlich sind E-Zigaretten sogar weniger gefährlich und schmecken, zumindest nach Ansicht vieler Nichtraucher, deutlich angenehmer.

Die Geschichte hat bloß einen Haken: So ziemlich alles spricht dagegen. Das liegt zum einen daran, dass Nikotin womöglich eine viel geringere Rolle bei der Tabaksucht spielt als lange Zeit angenommen. In den vergangenen Jahren gab es viele interessante Forschungsergebnisse, zum Beispiel, dass erst die Kombination von Nikotin und den in Tabakrauch enthaltenen sogenannten MAOI, einem Antidepressivum, deutlich in den Serotonin- und Dopaminhaushalt des Körpers eingreift. Die Botenstoffe sind wichtig für das psychische Gleichgewicht. Der Blogger Rursus hat das schon vor einiger Zeit in einer schönen Übersicht zu Studien zur E-Zigarette zusammengefasst (Ab Seite 31 ).

Auch die messbaren Fakten zur Verbreitung des Dampfens sprechen eine deutliche Sprache. Die Belege dafür, dass das Suchtpotenzial für Nichtraucher einfach viel kleiner ist, häufen sich. Jüngstes Beispiel ist eine Studie aus den USA, unter anderem von Forschern der University of Michigan, die gerade im anerkannten Fachmagazin Tobacco Control veröffentlicht wurde.

Die Forscher sind der Frage nachgegangen, wie verbreitet das Dampfen bei Jugendlichen ist und wie häufig sie tatsächlich nikotinhaltige Liquids dampfen. Dabei griffen sie auf die Befragung von rund 45.000 US-Jugendlichen zurück. Drei zentrale und spannende Ergebnisse sind bei der Untersuchung herausgekommen:

1. Mit Dampfen in Berührung gekommen sind inzwischen viele Jugendliche in den USA. 21 Prozent der Achtklässler, 32 Prozent der Zehntklässler und 34 Prozent Zwölftklässler haben „jemals“ eine E-Zigarette ausprobiert. Ein erschreckendes Ergebnis? Wohl kaum, wenn man sich Punkt zwei und drei genauer widmet.

2. Nur sehr wenige Jugendliche werden zu einigermaßen regelmäßigen Dampfern. Rund fünf Prozent der Zehnt- und Zwölftklässler haben sechs Mal oder häufiger im vergangenen Monat gedampft und sogar nur 2,7 Prozent der Achtklässler.

3. Der wohl wichtigste Punkt der Studie: Nikotin kommt dabei viel seltener zum Einsatz, als dies der Fall wäre, wenn sich tatsächlich gerade eine neue Suchtwelle unter Jugendlichen bildet. Nicht einmal ein Drittel der etwas älteren Jugendlichen, die im vergangenen Monat gedampft haben, hat dabei nikotinhaltige Liquids genutzt. Bei den Achtklässlern sind es sogar nur 16 Prozent. Insgesamt liegt die Zahl der Jugendlichen, die (a) regelmäßig und (b) nikotinhaltige Liquids nutzen, bei rund fünf Prozent.

Was uns zur letzten, grundlegenden Frage bringt: Wird durch die Verbreitung des Dampfens unter Jugendlichen weniger oder mehr geraucht? Einige Studien kommen zu dem scheinbar einleuchtenden Ergebnis, dass E-Zigaretten Jugendliche doch zum Tabak bringen. Das Problem dabei: Ursache und Wirkung werden nicht klar voneinander getrennt. Dass mehr Jugendliche, die dampfen, auch mit dem Rauchen anfangen, ist zwar recht gut nachgewiesen. Aber für sich genommen heißt das gar nichts. Schließlich ist klar, dass Jugendliche die ganz allgemein zu risikoreicheren Entscheidungen neigen und mehr Dinge, auch verbotene, ausprobieren, sowohl mehr dampfen als auch mehr rauchen. Wahrscheinlich springen Jugendliche, die dampfen, auch häufiger mit dem Kopf voraus ins Wasser und fahren häufiger ohne Helm Moped.

Das Gegenteil ist wohl sogar der Fall: Dampfen verdrängt das Rauchen und bietet gerade Jugendlichen, die etwas risikoreicher agieren, eine weniger gefährliche Alternative. Das hat eine ebenfalls seriöse Studie bereits im Jahr 2014 belegt. Demnach fiel die Zahl der jugendlichen Raucher in jenen US-Bundesstaaten langsamer, in denen besonders strenge Anti-E-Zigaretten-Regeln eingeführt wurden, unter anderem Werbeverbote und Verkaufsverbote an Jugendliche. Dort, wo die E-Zigarette recht freie Bahn bekam, sanken im Gegenzug die Raucherzahlen unter den Jugendlichen besonders schnell. Darauf, dass die Verbreitung der E-Zigarette dagegen insgesamt zu mehr jugendlichen Rauchern führt, gibt es überhaupt keine statistischen Hinweise.

Fazit: Eine neue E-Zigaretten-Suchtwelle ähnlich der Tabaksucht ist unwahrscheinlich. Wenig spricht bislang dafür, dass es so kommt. Sehr viel aber dagegen, nicht nur die Wirkweise von Nikotin ohne die anderen im Tabakrauch enthaltenen Stoffen, sondern nun auch die geringe Nutzung von Nikotin unter Jugendlichen. Gleichzeitig bleibt das Dampfen die beste Möglichkeit, erfolgreich von der Tabakzigarette wegzukommen. Es ist höchste Zeit, umzudenken und nicht weiter in die Denkfalle zu tappen, dass E-Zigarette = Nikotinsucht = Rauchen = Gefährlich ist.

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