Deutsche Wissenschaftler äußern Zweifel an Gateway-Studie

Rauchen Jugendliche unter 18 später deutlich häufiger, nachdem sie E-Zigaretten probiert haben? Wer die Antwort ja gibt, ist vom sogenannten Gateway-Effekt überzeugt. Das Dampfen, so die Befürchtung, könnte das „Tor“ öffnen zur Nikotinsucht und zum Rauchen.




Eine neu veröffentlichte Studie kommt zum Schluss, dass es dafür Belege gibt, sieht sich allerdings gleich mit harter Kritik konfrontiert. Basierend auf US-Daten veröffentlichten Forscher mehrerer Einrichtungen einen Beitrag im angesehen Fachblatt Pediatrics. Hauptschlussfolgerung: Befragte 12- bis 24-Jährige, die E-Zigaretten benutzten, hätten demnach Jahre später ein dreifach erhöhtes Risiko später täglich Zigarette zu rauchen. Der Anteil der Raucher erhöhte sich bei ihnen von drei auf zehn Prozent der Befragten.

Gleich zur Veröffentlichung gibt es erheblichen Gegenwind. Ute Mons, Professorin der Uniklinik Köln und zuvor beim Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) unter anderem mit dem Thema Rauchprävention betraut, betonte die Wichtigkeit von Jugendschutz auch bei E-Zigaretten. Sie schrieb in einer Einschätzung zur Methodik allerdings: „Erstaunlich ist, dass die Autoren und Autorinnen bei ihren Analysen kaum versucht haben, statistisch für verschiedene Störfaktoren zu kontrollieren, die generell mit dem Substanzkonsum zusammenhängen. Die statistische Kontrolle von sozialen Faktoren (Bildungsgrad, sozialer Status des Elternhauses) und idealerweise auch psychologischen Faktoren (zum Beispiel das Stimulationsbedürfnis, auch ‚Sensation Seeking‘ genannt) ist in diesem Bereich eigentlich Standard.“




Deshalb ist Mons auch vorsichtig bei den Schlussfolgerungen. Da mögliche Störfaktoren nicht statistisch berücksichtigt worden seien, sei eine kausale Interpretation, wie sie bei den Autoren zwischen den Zeilen durchklinge, nicht gerechtfertigt. „Auch wenn der E-Zigarettenkonsum den Daten zufolge das Risiko eines Einstiegs ins tägliche Rauchen von drei Prozent auf zehn Prozent etwa verdreifachte, bleibt nämlich unklar, ob der E-Zigarettenkonsum hierfür ursächlich ist (die sogenannte Gateway-Hypothese), oder ob nicht vielmehr soziale oder psychologische Faktoren, die sowohl den Konsum von E-Zigaretten als auch den Konsum von Zigaretten begünstigen, diesen Zusammenhang erklären können (die sogenannte Common Liability-Hypothese).“ Darüber hinaus sei zu berücksichtigen, dass der Beobachtungszeitraum der Studie von 2013 bis 2017 lief, der Verkauf von E-Zigaretten an Jugendliche in den USA aber erst 2016 verboten worden. Auf Deutschland, so Mons in ihrer Einschätzung weiter, seien die Daten ohnehin nur begrenzt übertragbar, da E-Zigaretten dort strenger reguliert würden.

Daniel Kotz, Professor unter anderem für Suchtforschung am Universitätsklinikum Düsseldorf, hegt ähnliche Bedenken. Die Studie gebe „keinen Aufschluss darüber, ob Jugendliche und junge Erwachsene durch den Konsum von E-Zigaretten zu täglichen Tabakraucher:innen werden, was sie sonst nicht geworden wären“. Es gebe sogar insgesamt keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege dafür, dass E-Zigaretten für Jugendliche und junge Erwachsene ein Einstieg in den Tabakkonsum seien. „Wahrscheinlicher ist, dass eine persönliche Grundneigung gegenüber Nikotinprodukten und das soziale Umfeld den Konsum von E-Zigaretten oder Tabak unabhängig voneinander beeinflussen“, vermutet er ebenso die „Common Liability“ als Grund.

Der Konsum von E-Zigaretten in Deutschland, so Kotz weiter, befinde sich seit Jahren auf einem relativ konstant niedrigen Niveau, bei  rückläufigem Konsum von Tabak. Laut Daten der Debra-Studien konsumierten aktuell nur etwa zwei Prozent der 14- bis 28-jährigen E-Zigaretten, und sie benutzen diese auch nur an zwei bis zehn Tagen im Monat.




Und schließlich ist auch Heino Stöver, Professor und Suchtexperte der Frankfurt University of Applied Sciences dieser Ansicht. Die Studie sei nicht geeignet, valide Aussagen zur E-Zigarette zu treffen. „Hauptschwachpunkt der Studie ist, dass sie die Motive für das Rauchen nicht berücksichtigt. Nach dem heutigen Stand der Forschung besteht kein nennenswerter kausaler Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von E-Zigaretten und späterem Rauchen.“ Die Forschungslage deute sogar in die Gegenrichtung: Der Gebrauch von E-Zigaretten komme bei der Mehrheit der Jugendlichen über ein Experimentieren oder einen gelegentlichen Gebrauch nicht hinaus.

Die Statements der deutschen Wissenschaftler wurden vom Science Media Center Germany erhoben.