Gastbeitrag: Ausstiegsdroge E-Zigarette

Foto: Borya Galperin / Shutterstock.com

Ein Gastbeitrag von Dietmar Jazbinsek, freier Wissenschaftsjournalist und Experte für Präventionspolitik. „Neue Studien aus Frankreich und den USA“ hat er  analysiert und stellt sie in einem Gastbeitrag bei eGarage vor.




Die E-Zigarette ist ein wirksames Hilfsmittel zum Ausstieg aus dem Tabakkonsum: So lautet das Fazit einer methodisch anspruchsvollen Untersuchung aus England, die im Januar von einem Forscherteam um den Londoner Psychologen Peter Hajek vorgestellt wurde. Was die Tabakentwöhnung betrifft, war die Erfolgsquote der E-Zigarette nach einem Jahr fast doppelt so hoch wie die der herkömmlichen Nikotinersatzprodukte. Unmittelbar nach Bekanntwerden dieses Befundes meldeten die ersten Gesundheitsexperten Zweifel an. Ein Einwand bezog sich darauf, dass sämtliche Teilnehmer an der Hajek-Studie im ersten Monat nach dem Rauchstopp einmal pro Woche einen Arzt konsultiert hatten, um mit ihm das weitere Vorgehen zu besprechen. Die Erfolgsmeldung aus England sei deshalb „wenig realitätsnah“, so Sven Schneider vom Mannheimer Institut für Public Health, „schließlich haben die meisten Zigarettenraucher, die auf eigene Faust einen solchen Rauchstopp mit E-Zigaretten versuchen, eine solche Unterstützung nicht.“ E-Garage hat über diese Debatte berichtet.

Wie erfolgreich sind Raucher, die auf eigene Faust versuchen, mit der E-Zigarette vom Tabak loszukommen? Eine Antwort hierauf geben zwei Forschungsprojekte aus Frankreich und den USA, deren Ergebnisse im Juli publiziert wurden. Es handelt sich in beiden Fällen um Kohortenstudien und nicht um randomisierte kontrollierte Studien – die Ausgangssituation ist mit anderen Worten realitätsnäher als bei dem Forschungsdesign der englischen Autorengruppe.

Gute Nachrichten aus Frankreich

In Frankreich – einem Land mit ausgeprägter Tabaktradition – ist die Zahl der Raucher in letzter Zeit deutlicher gesunken als in den Jahren davor. Dazu beigetragen haben Gesetze zur strengeren Tabakkontrolle, aber auch die Verbreitung der E-Zigarette. Die nationale Gesundheitsbehörde Santé publique France schätzt, dass es im Zeitraum 2010 bis 2017 rund 870.000 Tabakkonsumenten dank der E-Zigarette geschafft haben, mit dem Rauchen aufzuhören. Aktuellen Umfragen zufolge sind die Dampfgeräte zu dem mit Abstand beliebtesten Hilfsmittel bei der Tabakentwöhnung geworden. Dass sie nicht nur populär, sondern auch effektiv sind, belegt die Teilauswertung einer groß angelegten Kohortenstudie namens Constances. Hierfür wurden mehr als 200.000 Mitglieder der nationalen Krankenversicherung im Alter von 18 bis 69 Jahren rekrutiert. Die Teilauswertung bezieht sich auf die Daten von 5.400 Rauchern und rund 2.000 Ex-Rauchern, die 2015 und danach mindestens zweimal befragt wurden. Zwischen der ersten und der zweiten Befragung lagen im Schnitt zwei Jahre. Diejenigen Raucher (n=822), die in diesem Zeitraum täglich E-Zigaretten konsumiert haben, waren erfolgreicher bei der Tabakentwöhnung als die übrigen Raucher. Sie haben es zum einen häufiger geschafft, ganz auf Zigaretten zu verzichten, und zum anderen ihren Tabakkonsum deutlicher reduziert als Raucher, die keine E-Zigaretten konsumiert haben. Dabei waren die Startbedingungen für die E-Zigaretten-Nutzer schlechter: Sie hatten mehr Packungsjahre hinter sich und litten häufiger unter Depressionen als die anderen Probanden.




Die Bedeutung der Geräte-Generation

Trotz der positiven Effekte des E-Zigaretten-Konsums im Hinblick auf die Tabakentwöhnung kommen die Autoren vom Institut national de la santé et de la recherche médicale (INSERM) zu einem zwiespältigen Gesamturteil. Grund hierfür sind die Daten der Ex-Raucher. Diejenigen unter ihnen, die bis zur Follow-up-Erhebung regelmäßig gedampft haben (n=176), sind häufiger rückfällig geworden als die übrigen Ex-Raucher. „Obwohl der E-Zigaretten-Konsum bei der Rauchreduktion und beim Rauchstopp helfen kann, ist unklar, ob er zu einer kompletten und langfristigen Tabakentwöhnung führt“, so die Bilanz der Autorengruppe. Diese Darstellung widerspricht allerdings ihren eigenen Daten. Die höhere Rückfallquote kommt nämlich nur zustande, wenn man die Ex-Raucher mit einbezieht, die schon sehr früh – ab dem Jahr 2010 – mit dem Dampfen begonnen haben. Bei denjenigen, die ab 2013 E-Zigaretten verwendet haben, ist die Rückfallquote geringer als bei den übrigen Ex-Rauchern. Für diese Trendwende hat das INSERM-Team eine plausibel klingende Erklärung: Die höhere Wahrscheinlichkeit eines Wiedereinstiegs in den Tabakkonsum war ein Problem der Cig-a-likes, das bei den neueren Geräte-Generationen nicht mehr auftritt.

Gute Nachrichten aus den USA

Im Rahmen der „Population Assessment of Tobacco and Health Study” (PATH) wurden seit 2013 fast 50.000 US-Amerikaner in mehreren Erhebungswellen zum Thema Rauchverhalten befragt. Auch zu dieser Untersuchung gibt es eine aktuelle Teilauswertung (4). Sie bezieht sich auf die Daten von über 8.000 erwachsenen Rauchern, deren Konsumgewohnheiten über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg erfasst wurden. Wichtigstes Ergebnis der Langzeit-Studie: Bei Rauchern, die E-Zigaretten nutzen, ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausstiegs aus dem Tabakkonsum um 77% höher als bei Rauchern, die keine E-Zigaretten verwenden. Dies gilt jedoch nur für Personen, die täglich dampfen. Man sollte dabei im Auge behalten, dass die Befragungsdaten aus der Zeit vor Beginn des Juul-Hypes in den Vereinigten Staaten stammen. Es ist zumindest denkbar, dass die Juul aufgrund ihres hohen Nikotingehalts und ihrer speziellen Nikotinrezeptur mehr zur Rauchreduktion und zum Rauchstopp beitragen kann als herkömmliche E-Zigaretten. Der Hersteller Juul Labs jedenfalls verweist darauf, dass es seit dem Boom des Pod-Systems zu einem historisch einzigartigen Rückgang bei den Zigarettenverkäufen in den USA gekommen ist.

Fazit Raucher

Wer die richtige E-Zigarette richtig benutzt, hat eine sehr viel größere Chance auf eine dauerhafte Tabakentwöhnung als derjenige, der E-Zigaretten meidet oder sie nur gelegentlich nutzt.

Nachtrag in Sachen intellektuelle Redlichkeit

Hauptautorin der oben genannten US-Untersuchung ist Sara Kalkhoran vom Massachussetts General Hospital in Boston. Bemerkenswert ist dies deshalb, weil sie zugleich Verfasserin einer Meta-Analyse ist, die vor drei Jahren zu einem ganz anderen Ergebnis kam: Der E-Zigaretten-Konsum, hieß es damals, gehe mit einem statistisch signifikanten Rückgang der Rauchstopp-Quote einher. Dieser Eindruck konnte nur entstehen, heißt es heute, weil frühere Studien die Daten zum täglichen und zum gelegentlichen Dampfen miteinander vermischt haben. Das tatsächliche Entwöhnungspotential der E-Zigarette wurde deshalb in der Meta-Analyse von 2016 systematisch unterschätzt. Sara Kalkhoran nimmt damit eine Gegenposition zu ihrem damaligen Koautor Stanton Glantz ein, der nicht müde wird zu behaupten, E-Zigaretten würden die Raucher vom Rauchstopp abhalten. Die frühere Publikation von Glantz und Kalkhoran gehört zu den am meisten zitierten Beweisstücken der E-Zigaretten-Gegner in aller Welt. Auch in Deutschland haben sich namhafte Experten auf sie berufen, um die eigene Skepsis gegenüber den Dampf-Geräten empirisch zu untermauern. Man darf gespannt sein, ob dieselben Experten die neuen Studien zum Anlass nehmen, um die Öffentlichkeit nicht nur über die Risiken, sondern auch über die Chancen des E-Zigaretten-Konsums zu informieren.