Warum Endpunktstudien über die Zukunft der E-Zigarette entscheiden

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Warum wird auch etwa zehn Jahre nach der breiten Markteinführung erster moderner E-Zigaretten darum gestritten, ob das Dampfen Rauchern helfen kann oder eigene, schwer akzeptable Gesundheitsrisiken birgt?




Warum gibt es immer noch so viel Gegenwind, warum ignoriert das deutsche Gesundheitssystem weitgehend die positiven Effekte, ebenfalls zehn Jahre, nachdem eine erste Studie schätzte, dass Dampfen nur ein Hundertstel bis ein Tausendstel der schädlichen Wirkung von Tabakrauch hat? Warum wird jede kleine Meldung über etwaige Giftstoffe, die in geringen Mengen auch im Dampf enthalten sind, besonders bei falschem Test-Design, hochgejazzt und breitgetreten? Wenn zehn Jahre vergehen und immer noch die gleichen Debatten geführt werden, gibt es überhaupt Aussicht auf Besserung?

Für die Antwort lohnt es sich, etwas auszuholen. Kürzlich haben wir über eine Studie der italienischen Universität Catania über Wirkung des Umstiegs auf die E-Zigarette berichtet. In der Untersuchung ging es im Speziellen um COPD-Patienten, also Raucher, die schon an einer schweren Folgeerscheinung erkrankt sind. Die wichtigste Erkenntnis: Der Umstieg auf die E-Zigarette lohnt sich im Schnitt, die Hälfte der Probanden erlebte keine Verschlechterung der COPD, einer gefährlichen Lungenkrankheit, deren Frühstadium vielen verharmlosend als „Raucherhusten“ bekannt ist.

Die Universität von Catania und Massimo Caruso, der Co-Studienleiter, sind schon häufiger bei der Erforschung der Folgen des Dampfens in Erscheinung getreten. Die vielleicht wichtigste Untersuchung wurde 2017 veröffentlicht. Über dreieinhalb Jahre wurden Niemals-Dampfer mit einer Gruppe von Niemals-Rauchern, die die E-Zigarette nutzen, verglichen. Das Ergebnis war frappierend: „Although it cannot be excluded that some harm may occur at later stages, this study did not demonstrate any health concerns associated with long-term use of Electronic Cigarettes in relatively young users who did not also smoke tobacco.“ Auf Deutsch und kurz: Es gibt bei den Untersuchten keine beobachtbaren, systematischen Schäden durchs Dampfen.

Ein Problem hat die Studie freilich: Die Zahl der Probanden, die E-Zigaretten nutzten, lag mit neun sehr niedrig. Das schränkt die Aussagekraft deutlich ein. Außerdem ist der Zeitraum eher kurz. Und: Bei einem derart kleinen Sample ist es aussichtslos, Aussagen zum Beispiel über Krebserkrankungen zu treffen. Es gibt weitere Untersuchungen in dieser Richtung, zum Beispiel diese Studie aus den Niederlanden, die allerdings von einem E-Zigaretten-Hersteller begleitet wurde. Andere sind ebenfalls zu kurz, zu klein, vom falschen Absender oder mit anderen Problemen behaftet.

Die unbefriedigende Lage wurde kürzlich in einer Meta-Auswertung der US-amerikanischen Nationalen Wissenschaftsakademie untermauert. Es gebe „keine Evidenz“ dafür, ob: a) E-Zigaretten Herz-Kreislauf-Erkrankungen hervorrufen; b) E-Zigaretten Krebs hervorrufen, auch nicht im Vergleich mit dem Rauchen; c) Lungenerkrankungen hervorgerufen werden. Was für ein erbärmlicher Stand der Forschung.




Zehn Jahre nachdem die E-Zigarette nennenswerte Verbreitung gefunden hat, bleibt es dabei, dass keine eindeutige wissenschaftliche Basis für die Bewertung des Dampfens erarbeitet wurde. Natürlich deutet alles darauf hin, dass die E-Zigarette sehr viel weniger bis quasi gar keinen Schaden verursacht im Vergleich zum Rauchen. Die stoffliche Zusammensetzung des Dampfes im Vergleich zum Rauch deutet mehr als deutlich daraufhin.

Umso schlimmer aber ist der Studienmangel. Es fehlt an letztgültiger Überzeugungskraft, die auch die Skeptiker und die öffentliche Hand dazu zwingt, endlich aktiv zu werden, die E-Zigarette positiv zu bewerten und die immer wieder aufs neue auftauchenden Zweifel und Zweifler in die Schranken zu weisen.

Der Schlüsselbegriff lautet: Endpunktstudien. Das ist zum Beispiel in der Diabetologie ein üblicher Begriff, um Studien zu bezeichnen, die eine klar definierte Laufzeit haben, um dann die entscheidenden Parameter zu messen, bei der E-Zigarette zum Beispiel die Mortalität und die Inzidenz von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, des Lungensystems und Krebs. Ein angesehener Arzt sagte kürzlich im informellen Gespräch mit eGarage, nur mit Endpunktstudien sei eine Trendwende zu erreichen. „Dann sind alle im Gesundheitssystem zum handeln gezwungen. Endpunktstudien sind entscheidend.“

Das Problem dabei: Endpunktstudien sind enorm aufwendig und teuer. Sie können zweistellige Millionenbeträge kosten.

Doch das wäre es wert. Mehrere Millionen in Deutschland dampfen. Mehrere Millionen Menschen könnten durch den Umstieg vom Rauchen zum Dampfen wahrscheinlich enorme Verbesserung ihrer Lebensqualität und -dauer erfahren. Weltweit geht es um Dutzende oder Hunderte Millionen Betroffene. Wann endlich wird das ernst genommen? Es klingt ein wenig albern, aber wenn sich Dampfer für etwas einsetzen möchten, das maximale Wirkung entfaltet, dann das: Staatlich finanzierte Endpunkt-Studien.