US-Forscher: E-Zigarette riesiger Fortschritt für Gesundheit der Bevölkerung

Michael B. Siegel ist Professor für Gesundheitswissenschaft an der Boston University. Der renommierte US-Forscher sagte unter anderem in der noch laufenden Milliarden-Sammel-Klage gegen Tabakkonzerne aus. Für die E-Zigarette setzt sich der Mediziner allerdings mit Verve ein, unter anderem in seinem Blog. Im Interview mit EGarage spricht Siegel darüber, dass die E-Zigarette der größte Erfolg in der Gesundheitspolitik seit Jahrzehnten werden könnte – wenn die Anti-Raucher-Lobby endlich die Chancen erkennt. Sein Argument: Dampfen ist sehr viel weniger riskant als gewöhnliche Zigaretten, obwohl die Langzeitfolgen noch nicht genau bewertet werden können. Hier sein Exklusiv-Interview mit der EGarage:

EGarage: Herr Siegel, Sie sind ein renommierter Gesundheitswissenschaftler und haben in einem Milliarden-Prozess in den USA gegen die Zigarettenindustrie ausgesagt. Warum unterstützen Sie E-Zigaretten, obwohl es sich dabei auch um ein gesundheitsgefährdendes Produkt handelt?

Michael B. Siegel: Ich unterstütze E-Zigaretten, weil sie zwar auch gewisse gesundheitliche Risiken mit sich bringen, aber letztlich eine sehr viel sicherere Alternative zum Rauchen darstellen. Wenn jeder Raucher zu E-Zigaretten wechseln würde, sänke die Zahl der durch Rauchen verursachten Todesfälle drastisch im Lauf der Zeit. Und die Ex-Raucher würden quasi sofort eine deutliche Verbesserung ihrer Lungenfunktion feststellen können. E-Zigaretten haben das Potential, den Nikotin-Markt zu transformieren, zu revolutionieren: Weg von rauchbaren Tabakprodukten, hin zu einer relativ sicheren Art, Nikotin zu konsumieren. Denn: Nikotin allein ist nicht sonderlich gesundheitsgefährdend, außer für schwangere Frauen. Nikotin in Zigarettenform ist das große Problem für die Gesundheit. Ich behaupte, dass E-Zigaretten den größten Fortschritt seit Jahrzehnten für die Gesundheit der Bevölkerung bringen könnten.

In der Öffentlichkeit und der Politik ist die Meinung verbreitet, dass E-Zigaretten noch nicht ausreichend getestet seien und ihre Langzeitfolgen noch nicht gut eingeschätzt werden können. Ist das eine korrekte Einschätzung?

Im Gegenteil, sie sind sie sogar ausgiebigst untersucht worden. Wir wissen sehr viel über E-Zigaretten. Wir wissen zum Beispiel gut über die Inhaltsstoffe der Liquids Bescheid und wie sich der Dampf zusammensetzt. Wir wissen auch, dass von E-Zigaretten keine akute und schwerwiegende Gesundheitsgefahr ausgeht. Und wir wissen vor allem, dass sie viel sicherer als Zigaretten sind. Das einzige, was wir über das Dampfen noch nicht genau wissen, ist, ob es negative Langzeitwirkungen gibt, die sich im Laufe der Zeit einstellen, also in 10, 20 oder 30 Jahren. Das ist tatsächlich im Moment schwer zu beurteilen. Aber: Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass das bei jedem Medikament auch der Fall ist.

Was meinen Sie genau?

Es gibt kein Medikament, für das die FDA einen Langzeittest verlangt (die US-amerikanische Gesundheitsbehörde Federal Food and Drug Administration, Anm. d. Red.). Wie wir immer wieder erlebt haben, gibt es viele Arzneien, bei denen sich herausstellt, dass sie massive Nebenwirkungen haben. Aber darüber wissen wir lange Zeit nichts, weil es eben dauert, bis die negativen Effekte sich einstellen. Die Kunst in der Gesundheitspolitik besteht darin, richtige Entscheidungen zu treffen, auch wenn man mit Unsicherheit konfrontiert ist. Wir können nicht warten, bis wir definitive Erkenntnisse über die Langzeiteffekte des Dampfens haben. Wir müssen jetzt entscheiden. Und die Faktenlage ist im Augenblick ist eindeutig so, dass die gesundheitlichen Vorteile die möglichen Risiken bei weitem überwiegen. Jeder Arzt, der einem Patienten raten würde, mit dem Rauchen weiterzumachen statt zu E-Zigaretten zu wechseln, weil wir die Langzeitrisiken nicht kennen, würde aus meiner Sicht einen schweren Fehler begehen.

Was sind Ihrer Meinung nach die gefährlichsten Bestandteile von E-Zigaretten-Dampf?

Zwei Dinge bereiten wirklich Sorge. Erstens: Das Entstehen von Aldehyden im Dampf wenn Liquids überhitzt werden. Leider können sowohl Glycerin als auch Propylenglycol bei zu starker Erhitzung Aldehyde, zum Beispiel Formaldehyde, freisetzen. Formaldehyd ist krebserregend. Die erste große Sorge ist also, dass durch langjähriges Dampfen ein erhöhtes Krebsrisiko entsteht. Glücklicherweise kann dieses Problem leicht gelöst werden, indem die Erhitzungstemperaturen in der E-Zigarette staatlich reguliert und indem Tests auf Formaldehyd und ähnliche Chemikalien vorgeschrieben werden. Zweitens: Auch die Langzeitfolgen des Einatmens von Propylenglykol über viele Jahre sind ein mögliches Risiko. Propylenglykol reizt die Atemwege, es ist unklar, ob die Langzeitinhalation zu Atemwegsbeschwerden führt. Das bereitet definitiv Grund zur Sorge. Es sollte erforscht werden, ob es Alternativen zu Propylenglykol als Trägerstoff gibt.

Das sind die wichtigsten Punkte?

Weniger Sorgen, weil sie leicht angegangen werden können, bereiten mir folgende Aspekte: Diacetyl sollte als Aromastoff verboten werden. Akkus sollten reguliert werden, damit sie nicht überladen werden und explodieren können. Qualitätskontrollen bei der Herstellung der E-Zigaretten und der Liquids müssten Vorschrift sein, und es sollte sichergestellt werden, dass Liquids kindersicher verpackt sind.

Insgesamt klingt das schon nach schwerwiegenden Bedenken. Deshalb nochmals die Frage: Wie beurteilen Sie, im Vergleich zur herkömmlichen Zigarette, die Giftigkeit von E-Zigaretten?

Da ist eine völlig klare Sache: Die Toxizität von E-Zigaretten ist minimal im Vergleich zum Rauchen. Sie spielt noch nicht einmal in einer ähnlichen Liga. Dampfen ist viel, viel sicherer als Rauchen.

Wie stark machen E-Zigaretten im Vergleich zum Rauchen abhängig?

Die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass E-Zigaretten deutlich weniger Suchtpotezial aufweisen als herkömmliche Zigaretten. Nikotin wird damit nicht so effizient in den Körper gebracht. Nikotinspitzenwerte im Blut kommen in der Regel nicht vor. Es gibt also insofern keinen Zweifel daran, dass zumindest die heutigen Dampfgeräte deutlich weniger süchtig machen. In der Tat ist das sogar einer der Vorteile beim Wechsel zur E-Zigarette: Die Nikotinsucht schwächt sich ab.

Eine Sache ist es, wenn Raucher zur E-Zigarette wechseln. Aber auch viele junge, nichtrauchende Menschen probieren zweifelsohne E-Zigaretten aus. Haben die Kritiker Recht, dass das eine gefährliche Entwicklung ist?

Keine Frage, wir wollen nicht, dass Jugendliche mit dem Dampfen oder irgendeiner anderen Form des Nikotingebrauchs anfangen. Dennoch denke ich, dass die Risiken überbewertet werden. Bis jetzt gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass junge Menschen mit dem Dampfen anfangen, eine Nikotinsucht entwickeln und dann zur normalen Zigarette wechseln. Eher ist das Gegenteil der Fall. E-Zigaretten erschweren es Jugendlichen wahrscheinlich, eine Rauchsucht zu entwickeln. Denn nachdem man sich an den süßen Geschmack gewöhnt hat, ist es unwahrscheinlicher, dass einem Zigaretten mit ihrem harschen Geschmack und dem Mangel an Aromen gefallen. Natürlich sollten wir Gegenmaßnahmen einleiten, um Jugendliche von E-Zigaretten fernzuhalten. Die Risiken sind jedoch nicht so hoch, wie das von Anti-Zigaretten-Aktivisten gerne dargestellt wird.

Wie verhält sich die Tabakindustrie aus ihrer Sicht? Firmen wie Philip Morris setzen sich in Deutschland eher dafür ein, E-Zigaretten scharf zu regulieren. Andere wiederum sind im E-Zigaretten-Markt aktiv, wenn auch oft nur mit Einweg-E-Zigaretten.

Langfristig werden Tabakfirmen die E-Zigarette als Alternative akzeptieren. Ich glaube nicht, dass sie der Entwicklung dieser Produkte wirklich schaden wollen. Meiner Meinung nach glauben sie wirklich daran, dass der Tabakmarkt in den USA durch E-Zigaretten umgewälzt wird und werden ein Interesse daran haben, sich einen Teil des Dampfmarkts zu sichern. Ironischerweise sind es vor allem Gesundheitsorganisationen, nicht die Tabakindustrie, die die E-Zigarette bekämpfen.

Wird die E-Zigarette in den USA massiv durch harte Regeln eingeschränkt?

Das hängt von den Details ab. So, wie ich es persönlich erwarte, nämlich dass E-Zigaretten den gleichen Regeln wie Tabakzigaretten unterworfen werden, wird es ein Desaster für die Industrie. Der Markt wird kollabieren, 99 Prozent der Händler werden verschwinden und die großen Tabakkonzerne und einige wenige große unabhängige Anbieter werden den Markt dominieren. Das wird das große Dampf-Abenteuer schlagartig beenden und den Markt auf ein viel niedrigeres Niveau zwingen. Es gibt dann keine Chance mehr auf eine tiefgreifende Transformation des Nikotin-Marktes. Alternativ könnte die FDA E-Zigaretten akzeptieren, vernünftige Regeln aufstellen, um ein Mindestmaß an Sicherheit herzustellen, und dem Markt so dazu verhelfen, sich zu entwickeln und herkömmliche Zigaretten zu ersetzen. Aufgrund der bisherigen Verhaltensweise der FDA und der Einstellung der meisten Gesundheitsorganisationen wird das aus meiner Sicht aber nicht passieren.

Ist die Vorgehensweise der EU-Kommission in Europa vernünftiger? Kommendes Jahr müssen die Mitgliedsstaaten deren Regeln umsetzen.

Die EU hat eine sehr viel ausgewogenere Herangehensweise. Interessanterweise war das aber nicht der ursprüngliche Plan. Die lauten Protestrufe und der Einfluss der Dampf-Gemeinschaft auf die Politik hat zu den vernünftigen Änderungen an den ursprünglichen Vorschlägen geführt. Hoffen wir, dass das in den USA auch passiert.

Wo sehen Sie E-Zigaretten in 10 oder 20 Jahren? Werden sie das Rauchen im Großen und Ganzen ersetzen?

Das hängt in den USA voll und ganz von den Vorgaben der FDA ab und davon, ob die Gesundheitslobby das Produkt akzeptieren. Beides ist möglich: Die E-Zigarette könnte der größte Fortschritt in der öffentlichen Gesundheit sein, den wir je miterleben. Oder sie könnte als missratenes Experiment enden.