Suchtforscher im Interview: „Die heutige Politik zur E-Zigarette ist völlig unglaubwürdig“

Warum wird die E-Zigarette in Deutschland von vielen Forschern so misstrauisch beäugt? Was ist dran an der Theorie, dass Jugendliche durch das Dampfen zum Rauchen verführt werden? Und warum verspielt die Politik mit unsinnigen Aussagen ihre Glaubwürdigkeit?

Darüber haben wir mit Heino Stöver, Professor an der Fachhochschule Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt „Sozialwissenschaftliche Suchtforschung“, gesprochen. Er plädiert im Interview mit eGarage für einen deutlich aufgeschlosseneren Umgang mit der E-Zigarette. Kürzlich hat Stöver ein wissenschaftliches Buch zur E-Zigarette herausgegeben – und wunderte sich darüber, dass etablierte Forscher nicht dazu besteuern wollten. Ein Grund: Angst um die Reputation.

eGarage: Herr Professor Stöver, Sie untersuchen an ihrem Institut, wie verbreitet E-Zigaretten-Konsum unter Jugendlichen ist. Wie sind die Resultate?

Professor Heino Stöver: Etwa Ende Januar werden wir die detaillierten Ergebnisse vorstellen können. Dabei geht es uns im Kern um die sogenannte Gateway-Theorie, also die Behauptung, dass das E-Zigaretten-Angebot Jugendliche zu regelmäßigen Konsumenten von Nikotin macht. Die Resultate widersprechen dieser These jedoch weitgehend. Die sogenannte Lebenszeitprävalenz steigt zwar mit der weiteren Verbreitung des Konsums, es haben also mehr und mehr Jugendliche zumindest einmalig E-Zigaretten konsumiert. Aber das ist in erster Linie sogenannter Probierkonsum. Der Anteil der Dauerkonsumenten, die vorher nicht geraucht haben, bleibt so gering, dass er fast zu vernachlässigen ist.




Wie erklären Sie sich, dass die E-Zigarette offenbar nur wenige Nichtraucher anspricht? Sie bietet ja gegenüber der herkömmlichen Zigarette viele Vorteile.

Eine Rolle scheint mit Sicherheit zu spielen, dass der habituelle Charakter des Zigarettenrauchens besonders ausgeprägt ist. Mit der E-Zigarette gelingt es offenbar vielen Rauchern, von der Zigarette loszukommen, weil zum Beispiel die Hand-Mund-Bewegung fortgeführt werden kann. Auch das Nikotin scheint Ex-Rauchern zu helfen. Andersherum ist es aber anscheinend nicht so, dass Nikotin und Gewohnheit bei der E-Zigarette zu einem einem ausgeprägten Suchtverhalten führen. Das könnte an vielen Faktoren liegen, zum Beispiel, dass in Tabakrauch neben Nikotin sehr viel mehr psychoaktive Substanzen sind als in E-Zigaretten-Dampf.

Ist die E-Zigarette also in erster Linie eine Möglichkeit für Raucher, von ihrer Sucht loszukommen?

Ja, eindeutig. Es ist nicht die einzige Therapiemöglichkeit, aber offenbar eine recht vielversprechende. Da wir bei der Bekämpfung der Tabaksucht nicht besonders viele Pfeile im Köcher haben und sie enorme gesundheitliche und gesellschaftliche Schäden und Kosten verursacht, plädiere ich für einen aufgeschlossenen Umgang mit der E-Zigarette.

In Deutschland beschränkt sich der wissenschaftliche Diskurs und das Verhalten von Gesundheitsorganisationen aber fast ausschließlich auf Warnungen. Warum ist das so?

Tatsächlich ist das auch meine Beobachtung. Leider. Lassen Sie mich kurz ausholen: Die Maßgabe der sogenannten Harm Reduction, zu deutsch Schadensminderung, ist inzwischen ein international anerkanntes Prinzip der Suchtforschung und -behandlung. Statt auf totale Abstinenz zu drängen und sie als einzige wirksame Lösung zu propagieren, werden beim Ansatz der Harm Reduction weniger schädliche Alternativen akzeptiert oder gar direkt angeboten. Ein drastisches Beispiel ist die Ausgabe von Methadon an Heroinsüchtige. Der Erfolg dieser Programme ist auch wissenschaftlich sehr gut belegt. Es ist also höchst fragwürdig, die E-Zigarette in Deutschland  rundheraus und kategorisch abzulehnen. Sie ist schließlich um einige Größenordnungen weniger schädlich als die Tabakzigarette, spricht kaum Nichtraucher an, hilft aber vielen beim Aufhören. Dies nicht ausreichend zu berücksichtigen ist aus meiner Sicht wissenschaftlich unredliches Verhalten.

Warum ist Abstinenz eigentlich keine sinnvolle Zielsetzung?

Man muss unterscheiden: Für Nichtraucher ist Abstinenz von Zigaretten natürlich das Wichtigste. Ebenso ist es wohl der richtige Ansatz bei Gelegenheitsrauchern. Aber wir müssen akzeptieren, dass es auch Millionen schwer tabaksüchtiger Menschen gibt, für die Abstinenz kein gangbarer Weg ist. Viele haben schon zahlreiche Rauchstopp-Versuche hinter sich, sie schaffen es einfach nicht. Im Gegenteil: Je häufiger die Abstinenz scheitert, in um so weitere Ferne rückt der erneute Versuch. Die Frustration steigt und damit die Gefahr, das Rauchen als Schicksal hinzunehmen. Auch das ist eine gut belegte Erkenntnis aus der Suchtforschung. Wir müssen also das Gegenteil machen, der Abstinenz den Schrecken nehmen, indem man sie durch Substitutionsmittel unterstützt. Die E-Zigarette ist da ein sehr wichtiges Teil im Instrumentenkasten.

Wem werfen sie die Fehleinschätzung der E-Zigarette konkret vor?

Mir ist kaum erklärlich, warum zum Beispiel das Deutsche Krebsforschungszentrum, das DKFZ, eine derart ablehnende Haltung entwickelt hat. Das mag auch mit den handelnden Personen zu tun haben, insbesondere mit Martina Pötschke-Langer, die beim DKFZ die entscheidende Position in Sachen Tabakprävention bis vor kurzem innehatte und leider eine sehr negative Haltung entwickelt hat. Es drängt sich aber auch der Verdacht auf, dass es eine enge Verknüpfung zur Gesundheitswirtschaft gibt. Auffällig ist jedenfalls, dass andere Nikotinersatztherapien durchaus wohlwollend begleitet werden. Zudem habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass es geradezu eine Phalanx der Ablehnung innerhalb der wissenschaftlichen deutschen Suchtforschung gibt, wenn es um die E-Zigarette geht.

Können Sie konkreter werden?

Namen werde ich nicht nennen. Aber ich habe im Rahmen einer Buchveröffentlichung eine Reihe hochrangiger deutscher Suchtforscher kontaktiert, die zu den Koryphäen des Feldes zählen. Das Ergebnis: Kein einziger war bereit, zu einem Buch über E-Zigaretten beizutragen. Schließlich habe ich in Gesprächen herausgefunden, woran das liegt: Offenbar wird es als Gefahr für die eigene Karriere gesehen, die E-Zigarette aufgeschlossener und mit der eigentlich gebotenen wissenschaftlichen Neutralität zu betrachten. So hieß es zum Beispiel, man könne durch positive Äußerung zur E-Zigarette die Möglichkeit verlieren, an Expertengremien teilzunehmen. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, die sich nicht öffnen möchte.

Das klingt ja fast nach Verschwörung.

Das wäre übertrieben. Aber dieser innere Zirkel deutscher Suchtforscher ist in jedem Fall gut vernetzt und stimmt seine Positionen ab. Man kennt sich persönlich. Ich würde sagen, es ist in jedem Fall so, dass das vorherrschende Paradigma sich dadurch verfestigt und verstärkt und bislang noch nicht aufgebrochen ist. Es lautet: E-Zigaretten sind eine Fortsetzung des Tabakkonsums mit anderen Mitteln und dürfen keine echte Chance erhalten. Besonders absurd wird diese Einschätzung, wenn man sich vor Augen hält, dass Deutschland bei der Tabakkontrolle extrem schlecht abschneidet. In den meisten europäischen Ländern ist die hochgefährliche Tabakzigarette deutlich stärker eingeschränkt worden. Die Preise sind höher, Werbung ist vollständig verboten, es herrschen striktere Rauchverbote und so weiter.

Ist die insgesamt ablehnende Position zur E-Zigarette noch zu halten?

Nein, die ist nicht mehr lange zu halten. Die verhärteten Positionen lösen sich hoffentlich langsam auf. In Großbritannien gibt es ja bereits jetzt schon einen wesentlich offeneren Umgang mit den Chancen der Harm Reduction, die die E-Zigarette bietet. Im Grunde ist die umfassende Ablehnung des Dampfens wissenschaftlich nicht begründbar. Ich erwarte, dass es in den kommenden Jahren auch in Deutschland zu einem Paradigmenwechsel kommen wird. Aber es erstaunt mich schon, wie mühsam das ist. Es wird ein weiter Weg. Ich denke da zum Beispiel an die unsägliche Bemerkung unserer Bundesjugendministerin Manuela Schwesig, als sie das – völlig richtige – Jugendverbot für E-Zigaretten einführte. E-Zigaretten seien genauso schädlich wie Tabakzigaretten, sagte Schwesig wörtlich. Eine falsche, irreführende Behauptung. So etwas lässt die heutige Politik völlig unglaubwürdig dastehen.

Wie sähe eine Politik aus, die das gesundheitliche Potential der E-Zigarette als Alternative zur Tabakzigarette nutzt?

Am wichtigsten scheint mir, dass Dampfer oder solche die es werden wollen, anständig informiert werden – auch von staatlicher Stelle. Sie müssen für sich eine gute Entscheidung darüber treffen können, ob sie die E-Zigarette nutzen möchten oder nicht. Oft wird in Informationsbroschüren lediglich eine vorgefertigte Meinung verbreitet: Dass E-Zigaretten schädlich sind. Bislang sind Dampfer oder Menschen, die es werden wollen, auf Informationen aus den Shops oder aus Internet-Foren angewiesen. Der Staat sollte die Chancen der E-Zigarette erkennen und neutral darüber informieren. Das ist etwa in Großbritannien beispielhaft geschehen.

Die Angabe der Briten, dass E-Zigaretten 95 Prozent weniger schädlich seien als Tabakzigaretten, wird aber auch immer wieder als zu pauschal und unwissenschaftlich kritisiert.

Natürlich ist das eine plakative Schätzung mit einigen Unbekannten. Aber dass E-Zigaretten wesentlich weniger schädlich sind, ist sehr gut belegt. Wenn das so ist, sollten staatliche Stellen es auch nicht verschweigen. Der Staat könnte aber auch noch eine Stufe weitergehen und Werbung wieder stärker zulassen.

Würde das nicht der Branche zu sehr in die Hände spielen?

Man könnte es zum Beispiel mit verpflichtenden Informationsangeboten verbinden und andere Auflagen machen. Ich denke, es wäre aber gut, wenn die E-Zigarette in der Öffentlichkeit präsenter bleibt und einen Wettbewerbsvorteil im Vergleich zur Tabakzigarette genießt.

Der Zigarettenverband DZV plädiert dafür, dass sich die E-Zigaretten-Lobby enger mit der Tabak-Lobby zusammentun sollte. Schließlich ginge es ja um eine ähnliche Bedrohung: Die Überregulierung von Genussmitteln. Ist das ein guter Vorschlag?

Nein, das wäre ein kapitaler Fehler der E-Zigaretten-Branche. Der politische Druck auf Tabak wird weiter zunehmen. Die E-Zigarette sollte sich als klare Alternative positionieren, die mit wesentlich weniger Gesundheitsgefahren verbunden ist. Bleibt es dabei, dass die E-Zigarette gemeinsam mit Tabak gesetzlich reguliert wird, steigt die Gefahr, dass äußerst restriktive Regeln festgelegt werden. Das würde verhindern, dass mehr Menschen umsteigen und letztlich hohen gesundheitlichen Schaden verursachen.

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