Interview: Führender Gefäßchirurg will mehr Förderung für Nikotinersatz und E-Zigarette

Foto: Markus Kümmerle

Kürzlich machten deutsche Ärzte mit einer positiven Einschätzung zur E-Zigarette auf sich aufmerksam. Das kommt bislang eher selten vor. eGarage hat deshalb nachgefragt beim Gefäßchirurgen Prof. Dr. Martin Storck, der sich jüngst auf der Jahrestagung seiner Fachgesellschaft dafür aussprach, bei der Behandlung von Rauchern stärker auf Prävention zu setzen. Storck ist Direktor am Städtischen Klinikum Karlsruhe der Klinik für Gefäß- und Thoraxchirurgie.




eGarage: Herr Professor Storck, auf der letzten Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin im Oktober in Bonn wurde auf einem Symposium über die Raucherentwöhnung als Teil einer effektiven Gefäßprotektion diskutiert. Dabei ging es auch um die E-Zigarette – und andere Möglichkeiten des Nikotinersatzes. Von vielen Medizinern wurde bislang eher vorsichtig bis negativ über die E-Zigarette gesprochen. Auf dem Symposium, das Sie mitorganisiert haben, wurde das Dampfen dagegen als positive Möglichkeit bewertet, Raucher beim Aufhören zu unterstützen. Wie sind Sie zu der Einschätzung gekommen?

Prof. Dr. Storck: Als Gefäßchirurg und Gefäßmediziner sieht man die Patienten ja erst, wenn schon ein großes gesundheitliches Problem im Endstadium vorliegt. Dann können wir hoffentlich helfen, aber es ist nur eine „Reparatur“, keine Heilung. Die Arteriosklerose ist eine bösartige Erkrankung mit schlechten Aussichten für die Betroffenen aufgrund des sehr hohen Risikos, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall in den nächsten fünf Jahren zu erleben. Hierzu gibt es große epidemiologische Studien. Die Ursachen des Fortschreitens liegen häufig auch im Verhalten der Patienten. Rauchen ist ein ganz enormer Risikofaktor. Wir Gefäßmediziner wollen, dass die Prophylaxe, die Vermeidung von Erkrankungen, stärker in den Mittelpunkt rückt. Dabei helfen auch neue Medikamente, die aber sehr teuer sind und auch Nebenwirkungen haben. Aber mindestens genauso entscheidend sind Änderungen des Lebensstils: Mediterrane Ernährung, mehr Bewegung – und vor allem Rauchstopp.

Und da kommt die E-Zigarette ins Spiel?

Ja, darüber haben wir auch auf unserer Sitzung mit dem Titel Gefäßprotektion 4.0 gesprochen. Gefäßerkrankungen müssen systemisch behandelt werden. Wir haben uns gefragt: Wie ist das mit dem Rauchen? Sind die teuren Medikamente sinnvoll, wenn wir sie Menschen verschreiben, die psychisch gar nicht in der Lage sind, mit dem Rauchen aufzuhören? Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat hier ja einen eindeutigen Standpunkt, der auch ins deutsche Gesundheitssystem hineinwirkt. Aus ihrer Sicht sind Raucher nicht krank, sondern lediglich verhaltensgestört – übrigens steht diese Einschätzung im Gegensatz zum Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit.

Das sehen Sie anders?

Ja. Rauchen ist ein extrem gesundheitsschädigender und lebensverkürzender Risikofaktor und hat eindeutig sehr negative Auswirkungen.  Es gelingt den Patienten in der Regel trotz besseren Wissens nicht, einfach damit aufzuhören. Es gibt mindestens 136 wissenschaftliche Publikationen und eine Cochrane-Analyse, also eine Meta-Analyse dieser Studien, die zeigen, dass die Raucherentwöhnung viel besser gelingt, wenn man sogenannte Nikotinersatztherapien durchführt. Jede erfolgreiche Entwöhnung verbessert die Lebenserwartung und senkt die Erkrankungsrisiken drastisch, allerdings zum Teil erst nach Jahren. Diese Tatsachen kann man aus unserer Sicht nicht einfach ignorieren!

Nikotinersatztherapie ist aber nicht immer gleich Dampfen. Es gibt auch Kaugummis, Pflaster und so weiter.

Die E-Zigarette ist aber offenbar eine sehr gute Möglichkeit mit vergleichsweise hoher Erfolgsquote, darauf deutet die Studienlage hin. In Großbritannien ist man ja schon so weit, dass auch das Gesundheitssystem den Einsatz fördert und dazu ermutigt, auf die E-Zigarette umzusteigen. Zumindest die kommunikative Botschaft an die Bevölkerung ist glasklar. Besser ihr dampft als zu rauchen. Die giftigen kanzerogenen Stoffe im Rauch fallen weg, die Belastung mit Schadstoffen ist eindeutig um Größenordnungen geringer.

Würden Sie sich über einen Ansatz ähnlich wie in Großbritannien in Deutschland wünschen, von Regierung, von den Krankenkassen, von der Ärzteschaft?

Jeder Weg, der Menschen von der äußerst schädlichen Zigarette wegführt, sollte gefördert werden. Wie erwähnt ist der Nikotinmissbrauch von der WHO nicht als Krankheit akzeptiert, das macht es deutlich schwieriger, unterstützende Maßnahmen als Patient finanziell erstattet zu bekommen. Zudem: Die Ärzte haben zumindest kein monetäres Interesse an Nichtrauchern, sie bekommen kein Geld dafür, sondern für die Behandlung von Krankheiten. Hier bestehen unter Umständen falsche Anreize. Allerdings ist der Eingriff in den Lebensstil nicht direkt eine ärztliche Aufgabe. Dennoch: Das Gesundheitssystem insgesamt sollte anders mit Rauchern und den Ersatzmöglichkeiten umgehen und Hemmnisse abbauen. Dazu gehört auch, dass staatliche Stellen und Kostgenträger transparent über die vergleichsweise geringen Risiken des E-Zigaretten-Konsums im Vergleich zur Tabakzigarette aufklären.




Wie gehen Sie denn jetzt weiter vor?

In unserer Community hat die Diskussion gerade erst begonnen, das war ein erster Aufschlag. Wir wollen anfangen, in dieser Richtung weiter über den Tellerrand zu blicken. Wichtig ist aber, dabei alle Ärzteschaften mit ins Boot zu holen. Wir Gefäßmediziner sehen die Patienten häufig nur in kurzen Abschnitten und dann meist bei fortgeschrittener Erkrankung. Wirklich an der Präventionsfront stehen vor allem die Allgemeinmediziner und Hausärzte. Wir sollten überlegen, gemeinsam eine Kampagne zu starten, die letztlich zum Ziel hat, die Präventionsarbeit zu stärken.

Noch einmal: Dazu gehört auch die E-Zigarette?

Ja, aus meiner Sicht schon. Sie hat offenbar eine gute Erfolgsquote und erreicht eine bestimmte Gruppe an Menschen, die Probleme mit dem Aufhören haben, recht effektiv.

Wer wären ihre wichtigsten Verbündeten und Partner, damit eine solche Kampagne Erfolg haben könnte?

Wie erwähnt: Neben den Gefäßmedizinischen Fachärzten müssten auch die Hausärzte mit dabei sein, also als Fachgesellschaft zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, die DEGAM, oder die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, die DGIM. Auch die Epidemiologen gehören mit an Bord um letztlich auch Daten betreffend des Effekts der Raucherentwöhnung zu erheben. Krankenkassen und die deutsche Gesundheitspolitik als Ganzes sollten involviert sein, um die breite Bevölkerung zu erreichen. Das Gesundheitsministerium spielt hier eine wichtige Rolle als Taktgeber mittels Gesetzen. Letztlich muss der Gemeinsame Bundesausschuss, der festlegt, welche Therapien von den Kassen bezahlt werden dürfen, insgesamt überzeugt werden. Es sind sicherlich weitere Studien zur Versorgungsforschung sinnvoll, gefördert zum Beispiel durch die Politik oder den Innovationsfonds. Aber aus meiner Sicht ist die Studienlage schon gut genug, um klar zu sagen: Es lohnt sich eindeutig aus gesundheitspolitischen und ökonomischen Gründen die Raucherentwöhnung zu fördern!

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