eGarage insight: Bundestagsabgeordnete und britische Forscherin diskutieren

Die Bundestagsabgeordneten Tempel, Held und Kovac (v.l.) in der Diskussion

Wie geht es mit der E-Zigarette weiter? Was sagt die Politik? Muss der Staat stärker eingreifen und ist ein komplettes Werbeverbot gerechtfertigt?

Auf der Veranstaltung „insight“ brachte eGarage am 21. September drei Bundestagsabgeordnete und eine britische Wissenschaftlerin auf die Bühne – und die Besucher gewannen spannende neue Einsichten. Einige Abgeordnete nähern sich zum Teil stark der Dampfer-Gemeinde an – es gibt aber auch grundsätzlichen Gegenwind. Und: Fruchtige Aromen sind wichtig für den Rauchstopp.

Linda Bauld, Professorin der schottischen University of Stirling und Co-Autorin der Studien von Public Health England (PHE), sagte in ihrem einführenden Vortrag, Raucher rauchten wegen des Nikotin, aber stürben an den anderen Giftstoffen. Eines der großen Probleme beim Rauchstopp sei, dass viele Alternativen nur langsam Nikotin abgeben würden, zum Beispiel Nikotin-Kaugummis. Das sei gerade bei E-Zigaretten der neuen Generation anders, sie brächten den Stoff schnell ins Blut. Tank-Systeme seien deutlich effektiver als die sogenannten Cigalikes, die Einweg-E-Zigaretten.




In Großbritannien gebe es inzwischen drei Millionen Dampfer – bei neun Millionen Rauchern eine erhebliche Anzahl. „Letztes Jahr haben in unserem Land mindestens 18 000 Raucher aufgrund von E-Zigaretten aufgehört. Der Raucher-Anteil sinkt so schnell wie in den letzten 20 Jahren nicht mehr“ sagte Bauld. Einer von drei Rauchern, die versuchten, aufzuhören, würde E-Zigaretten nutzen. „Wer dampft, hat eine 60 Prozent höhere Chance, vom Rauchen loszukommen.“

Keine neue Suchtwelle durchs Dampfen

Gibt es eine Schattenseite, und kommt eine neue Dampf-Suchtwelle in Gang? Linda Bauld ist skeptisch. Nur vier bis fünf Prozent der Raucher, die vor mehr als einem Jahr aufgehört hätten, würden dampfen. Das sei eine ähnliche Rate wie bei anderen Nikotin-Ersatzstoffen. „Mein Onkel hat vor zehn Jahren aufgehört zu rauchen, und er nutzt jeden Tag Nikotin-Kaugummis.“ Aus einer gesundheitlichen Perspektive sei das kein großes Problem.

Auch über Nichtraucher, die E-Zigaretten nutzten, seien viele sehr besorgt. Dafür gebe es aber trotz weniger Einzelfälle keinen Grund. „Nur 0,5 Prozent der Erwachsenen, die nie geraucht haben, nutzen E-Zigaretten.“ Auch hier sei die Verbreitung ähnlich wie bei anderen Nikotin-Ersatz-Mitteln. Und Jugendliche? Darüber veröffentliche Bauld im vergangenen Jahr eine eigene Studie. In vier Untersuchungen kam heraus, dass zwölf Prozent die E-Zigarette jemals genutzt hätten. Aber ein sehr kleiner Anteil dampfe regelmäßig. Auch für Jugendliche gilt also: Wer niemals geraucht hat, dampft nur extrem selten. „Sehen wir durch E-Zigaretten, dass eine neue Generation Nikotin-Süchtiger entsteht oder gar eine neue Generation Tabak-Süchtiger? Im Moment geben das die Daten nicht her. Aber wir müssen weiter daran forschen und es im Blick behalten“, sagte Bauld.

Zur Sicherheit von E-Zigaretten sagte Bauld, entscheidend sei der Vergleich mit Rauchern, nicht mit Nichtrauchern. „E-Zigaretten sind sicherer als Tabak-Zigaretten, das legen alle Untersuchungen nahe.“ Eine PHE-Studie habe ergeben, dass E-Zigaretten ungefähr 95 Prozent sicherer seien.

Der wissenschaftliche Konsens in diesen Fragen sei sehr breit, alle führenden Institute in Großbritannien unterstützten die E-Zigarette. Es gebe aber auch vereinzelt negative Stimmen. „Diese Forscher arbeiten aber in der Regeln nicht mit Daten über Raucher, sondern sind zum Beispiel generell besorgt über die Rolle der Tabak-Industrie“, sagte Bauld.

Die Union bleibt skeptisch und verweist auf fehlende Studien




Wie sehen Bundestagsabgeordnete die Debatte? „Jede Art von Rauchen ist gefährlich, auch das Rauchen von E-Zigaretten. Es ist und bleibt: Nicht gesund“, sagte Kordula Kovac, Bundestagsabgeordete der CDU, unter anderem im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Man müsse auf Langzeitstudien warten. „Es wird immer gesagt, es ist nicht so gefährlich, mit E-Zigaretten anzufangen. Das wissen wir aber nicht.“ Viele junge Menschen würden mit E-Zigaretten beginnen, und es endete bei Tabakzigaretten. „Das geht nicht, mit mir nicht. Ich möchte auch keine Werbung dafür sehen“, sagte Kovac.

Marcus Held (SPD), Mitglied im Wirtschaftsausschuss des Bundestags, sieht das Thema ganz anders. Er sagte, viele Bürger im Wahlkreis seien auf ihn zugekommen, die lange Zeit Raucher gewesen und auf E-Zigaretten umgestiegen seien. Es sei „beeindruckend“ gewesen zu sehen, dass Langzeitraucher zu Dampfern geworden seien. Schließlich habe er recherchiert und festgestellt: „Das Dampfen ist für viele eine Chance, vom Rauchen loszukommen.“ Die E-Zigarette dürfe zwar nicht verherrlicht werden. „Aber wir dürfen nicht politische Voraussetzungen zu schaffen, die der E-Zigarette keine realistische Chance geben, sich zu bewähren. Ich möchte den Menschen nicht alles vorschreiben, aus dem bloßen Verdacht heraus, dass ein Stück weit Belastungen mit E-Zigaretten verbunden sein können.“ Leider sei dies im Augenblick in der großen Koalition nicht der Fall. Menschen bräuchten auch die Freiheit, hin und wieder in Maßen zu einem Suchtmittel zu greifen.

Der drogenpolitische Sprecher der Fraktion der Linken im Bundestag, Frank Tempel, sagte, er sei weder der Tabakzigarette noch der E-Zigarette verbunden. Aber die Zahl von mindestens 110 000 Tabaktoten in Deutschland pro Jahr sei ein Problem, das angegangen werden müsse. Und die E-Zigarette sei für viele eine Chance, den Schaden zu minimieren. Dagegen hätten laut einer Studie nur 1,3 Prozent der Dampfer vorher nicht geraucht. „Wir reden also zu mehr als 98 Prozent davon, dass Raucher auf die E-Zigarette umsteigen.“ Auf vielen Veranstaltungen frage er, ob jemand direkt mit der E-Zigarette angefangen habe. Er habe bislang lediglich eine einzige Person getroffen.

Werbeverbot: Auch die Wissenschaft ist für Einschränkungen der Reklame

Darf für ein immerhin gesundheitsschädliches Produkt Reklame gemacht werden? Beim Thema E-Zigaretten-Werbeverbot waren die Bundestagsabgeordneten weitgehend auf einer Linie: Sie sind dafür. Kovac sagte, es sei nicht zielführend, wenn Menschen von Zigaretten auf E-Zigaretten umstiegen. „Deshalb ist es wichtig, dass wir das Werbeverbot umsetzen. Wir sind das letzte Land in Europa, das die Außenwerbung noch nicht verboten hat.“ Frank Tempel von der Linken sagte, Werbung werde gemacht, weil sie den Konsum ankurble. E-Zigaretten, aber auch zum Beispiel Alkohol, seien gesundheitsschädlich. „Da ist es doch selbstverständlich, auf Werbeverbote zu setzen.“ Das sei aber nicht zu verwechseln mit Informationen: Wissen über die gesundheitlichen Vorteile müssten die Konsumenten erreichen. „Da geht es aber nicht um einzelne Produkte. Ich möchte keine Werbung für E-Zigaretten sehen, aber Informationen, wie auch zum Thema Alkohol.“

SPD-Vertreter Marcus Held hielt sich dagegen eher zurück und sagte, er würde lieber auf Aufklärung statt Werbung setzen. Er plädierte dafür, dass ein Teil der Umsätze der Tabak- und E-Zigaretten-Industrie in Aufklärung fließen müsse. Das sei in der Pharma-Industrie bereits der Fall. Dass die Tabakindustrie inzwischen Interesse an der E-Zigarette habe, sei nicht nur negativ. „Die großen Tabakkonzerne haben sich umgestellt und sehen, dass es Geld zu verdienen gibt. Das ist für mich eher eine Chance, weil es jetzt eine breitere Interessenslage gibt.“

Die Wissenschaftlerin Bauld sagte, dass sie Restriktionen für die E-Zigaretten-Werbung befürworte. Wichtig sei es jedoch, die Werbung für E-Zigaretten dort weiterhin zu erlauben, wo Raucher damit in Kontakt kämen, also in Tabakläden. Dagegen müsse jede Form von Tabakwerbung unterbunden werden.

Die Linke: Komplettverbote sind nicht umsetzbar

Aus dem Publikum kam die Frage, warum Deutschland nicht liberaler mit dem Thema E-Zigarette umgehe, gerade wenn Leben dadurch gerettet würden. Kordula Kovac sagte, auch an der E-Zigarette stürben Menschen. „Wir müssen schauen, dass keiner mehr seine Gesundheit gefährdet.“ Tempel sagte hingegen, es sein in der Wissenschaft inzwischen anerkennt, dass Abstinenz nicht unbedingt das Ziel sein müsse, sondern Schadensminimierung. „Komplettverbote halte ich für nicht umsetzbar.“ Held von der SPD sagte, er laufe auch in seiner Fraktion gegen Wände, weil alles, was mit Rauchen zu tun habe, grundsätzlich abgelehnt werde. „Wenn wir ein faires Verfahren in der Diskussion wollen, dann müssen wir klar trennen: Es gibt Raucher auf der einen Seite. Und das Dampfen auf der anderen Seite.“ Diese Betrachtung müsse sich durchsetzen. „Dafür müssen wir gemeinsam werben“, sagte er.

Ein Thema das der Branche im Augenblick unter den Nägeln brennt, kam ebenfalls zu Sprache: Die Regulierung von Aromen. Marcus Held plädierte dafür, Aromen in E-Zigaretten getrennt vom Tabakgesetz zu regulieren, das sei im Tabak-Gesetz nicht sinnvoll. Das müsse kritisch im Auge behalten werden. Frank Tempel schloss sich an: „Das Schadenspotenzial muss einen Einfluss auf die Regulierung haben. Ist es geringer, muss auch die Regulierung weniger streng sein.“ Es sei wichtig, die E-Zigarette nicht uninteressanter zu machen, indem bestimmte Aromen verboten würden. Dann stiegen womöglich weniger Raucher auf das Dampfen um.

Dampf-Aromen können Rauchern beim Aufhören helfen

Linda Bauld sagte, dass sie anfangs sehr skeptisch gewesen sei, was Aromen in E-Zigaretten-Liquids angehe. „Aber Aromen sind sehr wichtig für das Dampfen. Sie dienen dazu, das Dampfen vom Rauchen zu trennen.“ In Studien sei festgestellt worden, dass viele Ex-Raucher mit Tabak-Aromen anfangen, aber dann zu süßen, fruchtigen Geschmäckern wechselten. Dieser „Appeal“ der E-Zigarette sei wichtig für den Rauchstopp. „Viele sind besorgt: Kaugummi- und Gummibärchen-Geschmack, das soll doch nur Kinder anziehen. Diese Einschätzung wird aber nicht von den Daten aus unseren Studien bestätigt“, sagte Bauld.

Am 27. Oktober findet im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ein Fachgespräch unter anderem zum Thema Aromastoffe in der E-Zigarette statt. Das Ministerium will die Branche anhören. Dazu sind auch der Verband des eZigarettenhandels (VdeH) und die Interessensgemeinschaft E-Dampfen geladen.

Forscherin Bauld gab auch Einblick in die politische Lage auf der Insel. Die britische Regierung verfolge inzwischen einen proaktiven Politik-Ansatz. Doktoren würden Patienten dabei unterstützen und beraten, auf E-Zigaretten umzusteigen. „Ich unterstütze die E-Zigarette, weil ich glaube, dass sie die öffentliche Gesundheitslage dramatisch verändern kann.“ Man könne auch nicht auf Langzeitstudien warten: „Die Menschen sterben jetzt am Rauchen. Die Politik muss den Mut aufbringen, jetzt Entscheidungen zu fällen“, sagte sie.

Gleichzeitig sei es aber trotz der Überzeugung der meisten britischen Wissenschaftler schwierig, sich mit dieser Auffassung durchzusetzen. „Wir haben ein fundamentales Problem, wie ihr auch in Deutschland. Die Öffentlichkeit versteht die Sachlage nicht.“ Zwischen 2013 und 2016 sei in Umfragen der Anteil derjenigen, die glaubten, dass E-Zigaretten genauso schädlich oder schädlicher als Zigaretten seien, jedes Jahr gestiegen.“ Hilfreich sei aber, dass Cancer Research UK, die größte Anti-Krebs-Stiftung des Landes, die E-Zigarette unterstütze. „So etwas würde ich mir auch für Deutschland und andere Länder wünschen“, sagte Bauld. „Ja, wir brauchen mehr Forschung, aber wir müssen auch ehrlich sein mit dem, was wir bislang herausgefunden haben. E-Zigaretten helfen beim Rauchstopp und sie sind deutlich weniger gesundheitsschädlich.“

Zum Abschluss der Diskussion riet Marcus Held von der SPD den Dampfern, sich weiterhin über Briefe und Petitionen im Bundestag Gehör zu verschaffen. Frank Tempel bestätigte, dass die hohe Zahl von Zuschriften zu einem Umdenken in der Fraktion geführt habe.

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