„E-Zigaretten und Tabakerhitzer ergänzen sich“

Alexander Nussbaum von Philip Morris. Foto: PM

Der Tabakkonzern Philip Morris will „rauchfrei“ werden, so das erklärte Ziel. E-Zigaretten spielen dabei bislang keine große Rolle, sondern im Fokus steht vor allem der Tabakerhitzer IQOS. Wie ernst meint es der also Tabakriese wirklich? Und welche Strategie verfolgt der Konzern zum Beispiel beim Umgang mit Rauch- und Werbeverboten für die neuen Produkte? Wie steht es um das Gesundheitsrisiko? Wir haben nachgefragt bei Alexander Nussbaum, der seit Ende 2016 Senior Manager Scientific & Medical Affairs bei Philip Morris ist.

eGarage: Herr Nussbaum, Sie sind seit Ende 2016 beim Tabakkonzern Philip Morris für wissenschaftliche Themen zuständig. Zuvor haben Sie in der Krebsforschung und Pharmaindustrie gearbeitet. Warum macht man so einen Schritt – weg davon, kranken Menschen zu helfen, hin zu einem Zigarettenhersteller, der mit schädlichen Produkten viel Geld verdient?

Nussbaum: Ich muss zugeben, dass ich auch anfangs auch überlegt habe, ob das der richtige Weg für mich ist. Mir liegt die Gesundheit der Menschen am Herzen. Philip Morris hat aber ganz klar die Unternehmensstrategie, das Ende der Tabakzigarette einzuleiten. Das Unternehmen möchte so schnell wie möglich auf rauchfreie, alternative Produkte umschwenken, das ist die Vorgabe der Unternehmensführung und in diesem Bereich setze ich mich bei Philip Morris ein. Wir sind die einzige große Tabakfirma, die das so deutlich sagt. Und als ich erste Forschungsergebnisse gesehen habe über die mögliche Risikominderung durch Produkte wie IQOS, war ich überzeugt.

Überzeugt von was?

Von dem Potenzial dieses Ansatzes für die öffentliche Gesundheit. Studien in Japan und den USA haben gezeigt, dass die Schadstoffmengen im Körper beim Umstieg von der Tabakzigarette auf Tabakerhitzer wie IQOS stark sinken, zum Teil nahe an den Effekt des Rauchstopps heran. Weniger Schadstofffreisetzung heißt, dass weniger gesundheitliche Risiken zu erwarten sind Natürlich: Der Rauchstopp ist und bleibt der Goldstandard für Raucher, die ihrer Gesundheit etwas Gutes tun wollen. Wer aufhört mit dem Rauchen, egal in welchem Alter, der kann seine Lebenserwartung erhöhen, je jünger man ist, desto stärker nähert man sich dem Wert an, den Menschen im Schnitt erreichen, die niemals geraucht haben. Der Anspruch von Produkten wie IQOS ist es, dem Effekt des Rauchstopps so nahe wie möglich zu kommen. Denn heute ist es für viele Raucher eben immer noch keine gangbare Alternative, ganz mit dem Nikotinkonsum aufzuhören. Umfragen zeigen, dass mehr als 70 Prozent der deutschen Raucher im letzten Jahr gar keinen Versuch unternommen haben, aufzuhören.

Philip Morris ist ein riesiger Tabakkonzern mit Milliardenumsätzen – mit einem der gefährlichsten Produkte überhaupt, der Zigarette. Warum sollte das glaubwürdig sein?

Wir gehen diesen Weg konsequent, zum Beispiel mit der Transparenz unserer Forschung. Wir reden aber nicht nur darüber, sondern handeln auch: In Deutschland zum Beispiel verzichten wir seit Mai 2017 freiwillig auf Plakatwerbung für Zigaretten – im Gegensatz zu anderen Herstellern. Wäre ich nicht überzeugt von der Konsequenz, mit der der Abschied von der Zigarette bei Philip Morris angestoßen wurde, würde ich mich hier nicht engagieren.

Können Sie nochmal erklären, wie IQOS funktioniert?

Im Prinzip ist es ganz einfach: Ein kleiner Tabakstick, in dem echter Tabak sehr dicht komprimiert ist, wird erhitzt auf maximal 350 Grad. Diese Temperaturen sind deutlich niedriger als beim Verbrennen von Tabak bei bis zu 800 Grad. Und die Verbrennung ist das, was Tabakrauch so schädlich macht. Das wissen leider viele immer noch nicht, und das Nikotin wird fälschlicherweise als Hauptverursacher von rauchertypischen Erkrankungen angenommen. Die von uns gemessenen schädlichen Verbrennungsprodukte sind im Aerosol von IQOS drastisch reduziert, um durchschnittlich 90 Prozent, teilweise aber deutlich mehr. Festpartikel sind gar nicht mehr nachweisbar. Die niedrigeren Schadstoffmengen bestätigen auch externe Studien, unter anderem des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung. Wichtig: Gesund ist auch IQOS nicht. Aufhören ist das beste.

Die sogenannte Harm Reduction ist auch ein Ansatz, mit dem jene, die die E-Zigarette unterstützen, argumentieren. IQOS könnte höhere gesundheitliche Risiken bergen als die E-Zigarette. Warum steigt Philip Morris nicht gleich auf Dampf-Produkte um?

Harm Reduction, also Schadensreduzierung, heißt, dass möglichst viele Raucher, die sonst weiter rauchen würden, zum Umstieg auf weniger schädliche Produkte bewegt werden sollen. Das Prinzip basiert auf zwei Faktoren. Erstens der Schadstoffreduktion im Umstiegsprodukt, aber zweitens, und das ist genauso wichtig, auch die Akzeptanz und Nutzung des Produkts. Ergebnisse von unabhängigen Forschern zeigen: IQOS liegt beim Schadenspotenzial sehr nahe an der E-Zigarette und weit weg von der Tabakzigarette. Man muss bedenken: Langjährige Raucher bringen einen schweren Rucksack an gesundheitlichen Risiken mit sich, die zum Teil noch Jahre nach einem Rauchstopp erhöht bleiben. Macht es in dieser Situation einen Unterschied, ob man auf E-Zigaretten oder Tabakerhitzer umsteigt?

Endgültig geklärt ist das nicht. Möglicherweise durchaus.

Entscheidender ist höchstwahrscheinlich der komplette Umstieg ohne den sogenannten Dual Use, nicht das Produkt. Denn nur so lässt sich das volle Harm Reduction-Potenzial der beiden Produktkategorien erreichen. Durch den typischen Tabakgeschmack spricht IQOS auch Raucher an, die sich vielleicht nicht mit einer E-Zigarette anfreunden können. Damit schließen Tabakerhitzer wie IQOS eine Lücke im Angebot, und so könnte mehr Rauchern der Schritt weg von der Verbrennungszigarette gelingen. Ich sehe deshalb E-Zigaretten und Tabakerhitzer nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Das spiegelt übrigens auch unsere Unternehmensstrategie wieder.

Wie das?

Die Produktpipeline von Philip Morris enthält längst echte E-Zigaretten. Unser Produkt namens IQOS MESH, das bereits in Großbritannien auf dem Markt ist, ist eine E-Zigarette mit einer neuen Technik, die besonders effizient und sicher Liquid verdampft. Wir entwickeln zudem ein Produkt, in dem eine Karbonspitze Tabak erhitzt. Weitere Angebote kommen, insgesamt arbeiten wir an vier sogenannten Plattformen, die eine Alternative zum Tabakrauch bieten sollen. Philip Morris möchte langfristig wirklich weg von der Zigarette.

IQOS kostet 99 Euro, auch die Sticks kosten so viel wie Zigaretten – trotz eines in Deutschland sehr viel günstigeren Steuersatzes. Wenn Sie viele Raucher erreichen wollen, warum ist das Produkt so teuer?

IQOS ist ein Premiumprodukt, hinter dem ein Zeitraum von über 10 Jahren und Investitionen von mehreren Milliarden Dollar an Forschung stecken. Und Preispolitik ist immer eine Gratwanderung. Von einigen wird Ihr Argument vorgebracht. Andere gehen in die andere Richtung: Wenn das Gerät zu billig sei, spreche es auch Nichtraucher und Jugendliche an. Die aktuelle Diskussion um dieses Thema im Zusammenhang mit E-Zigaretten in den USA ist bekannt. Es ist also ein Balance-Akt. Wir halten den Preispunkt für fair und angemessen.

E-Zigaretten-Liquids bestehen aus Trägerstoffen, Aromen und Nikotin. Nikotin allein macht aber nicht so süchtig wie Tabakzigaretten. Ist das der Grund, warum Sie tabakbasierte Alternativen zum Rauchen anbieten?

Nikotin ist nach Einschätzung der Wissenschaft, unter anderem vom britischen Royal College of Physicians, für die suchterzeugende Wirkung des Rauchens hauptverantwortlich. Aspekte wie das Ritual oder der soziale Kontext der Nutzung sind schwer zu messen, aber wahrscheinlich untergeordnet zu bewerten. Nikotin ist sowohl im Tabakdampf von Erhitzern wie IQOS aber auch im Dampf von E-Zigaretten enthalten. Insofern sehe ich hier keinen großen Unterschied zwischen Produkten wie IQOS und E-Zigaretten. Beide liefern dieses Nikotin, das ja auch für die meisten Raucher beim Umstieg auf ein Harm -Reduction-Produkt wichtig ist.

Stichwort Regulierung: Die Dampfer setzen sich dafür ein, dass die E-Zigarette nicht in einen Topf geworfen wird mit dem Rauchen, zum Beispiel beim Nichtraucherschutz. Wie sehen Sie das?

Aus unserer Sicht sollte sich die Regulierung, erstens, am Schadenspotenzial der Produkte orientieren. Wenn nachgewiesen ist, dass dies um Größenordnungen geringer ist, dann sollte das auch die Regulierung signalisieren, um Rauchern den Umstieg von der Tabakzigarette zu erleichtern.  Dabei könnte es helfen, Produkte mit hohem Schadenspotenzial – wie zum Beispiel Zigaretten – streng zu regulieren, während nachweislich schadstoffreduzierte Produkte wie E-Zigaretten und Tabakerhitzer entsprechend weniger streng reguliert werden sollten. Zweitens, dem Raucher muss durch die Regulierung signalisiert werden, dass es Produkte mit geringerem Schadenspotenzial gibt und sich der Umstieg lohnt. Und drittens muss auch die Industrie wissen, dass sich Investitionen in Innovationen lohnen. Heute ist in Deutschland in allen drei Bereichen noch viel Luft nach oben.