Die alleingelassenen Dampfer

Anfang der Woche wurde der 2. Alternative Suchtbericht vorgestellt. Darin wird anders als in den gewohnten Untersuchungen versucht, die pauschale Ablehnung von Suchtverhalten zu vermeiden und sich differenziert damit auseinanderzusetzen. Beim Thema E-Zigarette ist das gelungen. Heino Stöver von der Frankfurt University of Applied Sciences fasst in seinem Beitrag zunächst die bekannten Auswirkungen der E-Zigarette auf die Gesundheit der Bevölkerung zusammen. Fazit: E-Zigaretten sind zwar kein Allheilmittel, um das Rauchen aufzugeben, können aber einigen dabei helfen oder zumindest die Zahl der Zigaretten reduzieren. Gleichzeitig mahnt er an, was kaum jemand in der Branche bestreitet: Der Jugendschutz muss besser werden und es sollte klare Standards für E-Zigaretten und Liquids geben, zum Beispiel vorgeschriebene und bessere Auskünfte über die Inhaltsstoffe.

So weit, so bekannt – zumindest allen, die sich etwas intensiver über die Thematik informiert haben. Doch hochinteressant ist, dass Stöver auch das Verhalten der öffentlichen Gesundheitsorganisatoren analysiert. Dort bestehe eine klare „Ablehnungskoalition“, keine „auf Schadensminimierung ausgelegte Gesundheitsdebatte der Verantwortlichen“. Im Fokus stehe, dass das Dampfen die gewöhnliche Zigarette, die derzeit de-normalisiert werden, also an Akzeptanz verliere, und die E-Zigarette diesen positiven Trend untergraben könne. Stöver nennt das zurecht eine „unbewiesene Jugendverführungstheorie vieler Gegner_innen“ der E-Zigarette. Schließlich gibt es keinerlei wisschenschaftliche Anhaltspunkte dafür.

Die Folge: Aus der Not sei eine verbrauchergestützte Selbsthilfe- und Gesundheits-/Genussbewegung gewachsen. Die Verbraucher informieren, orientieren und vernetzen sich selbst. Diese „Grassroots-Bewegung“ der Dampfer „wird alleingelassen und eigentlich ausgegrenzt“, schreibt Stöver weiter. Es erstaune, dass das Potenzial der E-Zigarette zur Schadensminimierung unbeachtet und politisch ein Tabu-Thema bleibe. Das Deutsche Krebsforschungszentrum wird besonders negativ hervorgehoben: Dort würden nur Gefahren gesehen, aber kein Abwägungsprozess auf der Basis von Fakten vorgenommen, „um den Strohhalm, den die E-Zigarette darstellt, für die Rauchprävention nutzbar zu machen und öffentlich aktiver zu bewerben“.

Denkt man Stövers Kritik weiter und fragt nach dem Motiv für dieses Verhalten, drängt sich der Verdacht auf, dass es den E-Zigaretten-Gegnern möglicherweise nicht nur gedanklich schwerfällt, sich auf die E-Zigarette als positivere Alternative einzulassen. Sondern dass sich sich gleichzeitig ihrer Funktion beraubt sehen, wenn die E-Zigarette tatsächlich das Rauchen weitgehend ablösen könnte.