„A Billion Lives“: Die hässliche Wahrheit über den Kampf gegen das Dampfen

Eine passende Kulisse für den ersten großen und auch gleich ziemlich großartigen Dampfer-Film: Bei der Deutschland-Premiere von „A Billion Lives“ im Berlin am vergangenen Samstagabend machte man sich fast schon Sorgen, dass angesichts der dichten Dampfschwaden, die durch das prächtige Kino International waberten, das Projektorlicht nicht vollständig bis zur Leinwand dringt. Nachdem Regisseur Aaron Biebert, persönlich angereist, ein paar einleitende Worte gesprochen hat, geht es los. Der silberfarbene Vorhang geht auf für den Film, auf den auch die deutsche Dampfer-Community so lange gewartet hat.




Entwarnung: Der Dampf ist kein Problem. Und Freude bei den Zuschauern: Der Film hält, was man sich versprochen hat. Er ist ein Manifest für die E-Zigarette, der in voller Spielfilmlänge ihre Entstehung erklärt, vor allem aber ein Erklärungsversuch ist, warum das Dampfen immer noch auf eine derart hartnäckige Gegnerschaft trift.

Die Dokumentation beginnt mit dem Winston-Mann, der jahrelang für die US-Zigarettenmarke Werbung machte, bis sein Bruder an Krebs starb, vermutlich durchs Rauchen – und der nun zum überzeugten Dampf-Unterstützer geworden ist. Er zeigt die Geschichte der Tabakindustrie, die lange die Risiken geleugnet und auf fast jede legale und illegale Weise Lobbyarbeit betrieb. Eine Milliarde Menschen, one billion lives, das ist die Zahl derer, die in den kommenden Jahrzehnten vorzeitig durch Tabakrauch sterben werden. Dann kommt der Film zum Punkt: Es gibt eine Alternative für alle, denen der Rauchstopp mit anderen Hilfsmitteln extrem schwer fällt. Hon Lik, der chinesische Erfinder, kommt zu Wort. Und viele andere, die seit Jahren die E-Zigarette zu ihrem persönlichen Hobby gemacht haben.

Der Zuschauer wird aber vor allem mit einer düsteren Wendung vertraut gemacht, und hier liegt die eigentliche Leistung der Recherchen von Aaron Biebert: Warum ist das Dampfen, obwohl es nachgewiesenermaßen fast ausschließlich von Ex-Rauchern genutzt wird, die damit ihr Gesundheitsrisiko deutlich senken können, in so vielen Ländern verboten? Warum wird es in den USA so massiv bekämpft?

Biebert ist gar nicht so sehr bei der Zigarettenindustrie fündig geworden. Die bezeichnet er zwar als „Schwarzbrenner“ in Anlehnung an die Prohibition, die Zeit des Alkoholverbots in den USA. Der gefährlichere Teil der Allianz sind aber die „Prediger“, die den Schwarzbrennern damals zum Teil gezielt halfen, ihre illegalen Monopolo hochprofitabel zu halten, indem sie sich für die Alkohol-Ächtung einsetzten.

Die „Prediger“, das ist das dichte Netz an Gesundheitsorganisationen, zum Beispiel der Anti-Krebs-Verband in den USA, die American Cancer Society, die im engen Schulterschluss mit der US-Gesundheitsbehörde FDA gegen die E-Zigarette agiert. Der springende Punkt: Viele dieser Organisationen sind massiv abhängig von Zahlungen der Gesundheitsindustrie, die Nikotin-Ersatz-Präparate verkaufen möchte. Ein sehr überraschender Moment im Film, der auf einmal einiges erklärt: Das Logo der American Cancer Society findet sich tatsächlich sogar auf solchen Produkten abgedruckt. Die Politik macht mit: In eingespielten Werbefilmen der kalifornischen Gesundheitsbehörden wird vor der E-Zigarette gewarnt, als ob sie genauso gefährlich wie Tabakrauch sei. Auch in Deutschland gibt es zum Beispiel die Debatte darüber, welche Rolle eigentlich Organisationen wie das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) spielen.

Hier lohnt übrigens das Warten auf den Abspann: Dort werden die Organisationen aufgeführt, die sich geweigert haben, für den Film interviewt zu werden. Es ist eine lange, eine entlarvende Liste.

Auch einzelne, in ihrer Absurdität entlarvende Debatten um die Risiken der E-Zigarette werden herausgegriffen, zum Beispiel die Formaldehyd-Panik, die 2015 verbreitet wurde und die völlig unbegründet ist. Die Forscher hatten die E-Zigaretten schlicht massivst heißdampfen lassen.

Der persönliche Blick kommt nicht zu kurz in dem Film, der ansonsten hauptsächlich aus Experteninterviews besteht. Vince, ein E-Zigaretten-Händler der ersten Stunde aus Australien, ist durch das harte Vorgehen der Behörden dort ruiniert worden. Sein Geschäft wurde geschlossen aufgrund eines Gesetzes, das eigentlich gegen Schoko-Zigaretten für Kinder gedacht war. Den Prozess hat er verloren, er ist wirtschaftlich am Ende – und macht auch sonst einen schwer angeschlagenen Eindruck.

Aber es der Film zeigt auch Lichtblicke: Forscher und Gesundheitsexperten kommen zu Wort, die zugeben: Wir haben uns getäuscht, die E-Zigarette ist eine gute Möglichkeit, die Zahl der Raucher zu senken. Sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO scheint allmählich zur Vernunft zu kommen, sie äußert sich in Interviews distanziert, aber insgesamt recht positiv zur E-Zigarette.

Etwas ungewöhnlich an „A Billion Lives“: Der Regisseur kommentiert nicht nur im Off, sondern spricht häufig auch direkt in die Kamera. Früher, vor den Zeiten, in denen die Selbstdarstellung in den sozialen Medien zum Alltag wurde, hätte man das als unpassend empfunden. Biebert macht das aber so sachlich und klug, dass es in Ordnung ist.

Was bleibt von „A Billion Lives“? Selbst für überzeugte und aktive Dampfer ist der Film interessant, weil in den USA in die Details der Verstrickungen zwischen Pharmalobby und den Gesundheitsorganisationen eintaucht. Geradezu die Augen öffnen dürfte der Film aber vielen, die sich bislang nur oberflächlich mit dem Thema E-Zigarette beschäftigt haben, aber über ihr Schicksal mitentscheiden. Schön wäre es, wenn sich der eine oder andere Gesundheitspolitiker „A Billion Lives“ anschaut. Und wenn man als überzeugter Dampfer mal keine Lust hat, Bekannte und Freunde über die E-Zigarette aufzuklären, dann reicht jetzt der Zuruf: Wenn es dich wirklich interessiert, schau dir den Film. Da steckt alles drin. Zumal er jetzt auch in einer deutsch synchronisierten Fassung vorliegt. Wann er genau in welche Kinos kommt, steht allerdings noch nicht fest.

Soviel ist nach der geballten Ladung Dampf-Doku klar: Im Grunde ist die Geschichte der E-Zigarette bislang eine fast schon tragische Geschichte, die hoffentlich noch zu einem guten Ende führt. Dass die Dampfer natürlich trotzdem gemeinsam Spaß haben können, war auf der Aftershow-Party zu merken, organisiert von den Sponsoren der Deutschland-Premiere, InnoCigs und von Erl. Aaron Biebert konnte sich zurecht feiern lassen: Der Film ist sein Erstwerk, dafür ist er sehr gelungen.

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